Keine Menschenmasse die nach Tausenden zählt, kein ohrenbetäubendes Knattern riesenstarker Motoren, kein Schnarren über den Platz verteilter Lautsprecher begleitete die wundervolle Flugveranstaltung, deren einziger Zuschauer ich kürzlich war. Eine Vorstadtstraße Berlins bildete den Schauplatz dieser Ereignisse, denen ich eine Stunde mit ungebrochener Begeisterung verfolgte. Die Straße war nur mäßig breit, und die Reihe der Mietshäuser wurde nur auf der einen Seite durch ein einstöckiges Gebäude unterbrochen, das durch einen bis zur Straße erreichenden Hof mit großer Einfahrt, sich von seinen Geschwistern getrennt wurde.

An dieses niedrige Gebäude schlossen sich die Stellungen und Schuppen einer Futtermittelhandlung an. Hier war der Startplatz meiner Flieger, den ich zwar nicht sehen konnte, aber mit einer großen Wahrscheinlichkeit vermutete, denn die beiden Kunstflieger waren zwei prächtig gebaute Schwalben. Wer kennt sie nicht die herrlichen Körper, von einer fast unwirklich anmutenden Grazie, mit ihrem stahlblauen Gefieder und weißer Brust, wie sie dahin wirbeln in tollem Flug und schwindliger Höh.

Doch hier schien sich ihre Vorliebe geändert zu haben, nicht die ungehinderte Freiheit über dem Häusermeer schien sie zu reizen, sondern das Gefährliche, beengte der Straße den Fenstevorbauten, Ecken und stuckverzierten Fassaden die teilweise weitaus weit aus der Front herausragten.

Es wehte ein ziemlich starker Wind, der ab und zu plötzlich umschlug und launisch von Ruhe bis zum heftigen Stoße anschwoll. Wenn sich die Schwalben mit Überlegung einen Platz und eine Zeit für eine Leistungsprüfung heraus suchen könnten, dann hätten sie hier das richtige gefunden.

Mit spielerischer Eleganz kamen sie über das niedrige das bald die Flügelspitzen sie berührten, und sprangen und hüpften über die verschnörkelten Fenster vorbauten mit einer ans fabelhaften grenzenden Sicherheit.

Hinauf in die Höhe an die Dachrinne, hinunter in pfeilschnellem Sturz zentimeterdicht über die Granitplatten des Bürgersteiges, wieder hinauf mit einigen schnellen Flügelschlägen, durch eine plötzliche Bö aus dem geraden Fluge geworfen, blitzschnell, fest im rechten Winkel abbiegend, änderten sie dauernd das spielerische Ziel ihres Fluges.

Und unaufhörlich, nie ermüdend, zogen sie ihre fantastisch gestaltete Bahn, die nur ungefähr hundert Meter nach beiden Richtungen von dem niedrigen Gebäude sich erstreckte. War es eine Trainingsbahn die sie sich herausgesucht hatten, um ihr Können zu erproben, an der Freude am Flug? Denn ein bestimmter zweck lag sicher nicht darin in diesem ungebändigten Entfalten ihrer Kräfte, im Erproben der Gewandtheit, denn stets schaften sie sich Hindernisse, stießen gerade auf die Hauswand zu, im letzten Augenblick sich hochreissend und in pfeilschnellem Flug auf neue Hindernisse zustrebend.

Es muss etwas in ihrem Bewusstsein geben, das ihnen die Kunst ihres Fluges heilig macht, an deren Vervollkommnung sie unermüdlich arbeitenden, das ihnen zum Lebenszweck wird. Und ich als einziger Zuschauer, schwelgte in den gleitenden sanften Bewegungen dieser herrlichen Vögel. Verfolgte sie mit meinen Blicken auf und ab, hin und her. Bald kamen sie über mir dahin geschossen so dass ich das Weiße ihres Bauches und die prächtige Form der entfalteten Flügel bewundern konnte, bald stießen sie unter mir vorbei, das herrliche Stahlblau ihres Oberkörpers und der Flügeldecken zeigend.

Doch auch Überraschung und Sensation fehlten bei dieser Veranstaltung nicht. Schon mehrmals waren sie an meinen Kopfe vorbeigeschossen in kaum einer Armlänge Entfernung, als die eine der beiden in einer plötzlichen Wendung gerade auf mich zukam, so nahe, das ich unwillkürlich meinen Kopf zurückzog. Doch es wäre nicht nötig gewesen, denn mit einer , unglaublichen scharfen Kurve, die den Neid der besten Kunstfliegers erregt hätte, war ihrer Gefährtin wieder nachzujagen.

Noch ganz benommen von dieser Offenbarung der Naturschönheit, kamen mir, als ich mich vom Fenster zurückzog, die Worte eines längst vergessenen Gedichtes in den Sinn:" "Ach wer das doch könnte, nur ein einziges mal!".