Eine Zweijährige steht vor einem Aquarium und wischt mit der Hand übers Glas. Die Fische hat das vermutlich wenig beeindruckt. Das Beispiel eines Referenten auf der heutigen Jahrestagung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zeigt, dass digitale Medien alltäglich sind. Auch für die Kleinsten.

Wie sich digitale Kinderzimmer auswirken

Drei Viertel der Zwei- bis Vierjährigen spielen rund eine halbe Stunde pro Tag mit dem Smartphone. So lautet eins der ersten Zwischenergebnisse der in diesem Jahr von mehreren Hochschulen und Fachverbänden gemeinsam durchgeführten BLIKK-Studie. Eingeschlossen waren knapp 6.000 Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Die Untersuchung offenbarte auch: Verfügen Eltern nicht über eine digitale Mediennutzungs-Kompetenz, haben es ihre Kinder schwer, eine gesunde Balance zu finden. Heranwachsende beschäftigen sich kaum noch mit Kinderbüchern, Hörspielen und Hörbüchern. Die Experten fanden einen Zusammenhang zwischen Sprachentwicklungsstörungen und der Zeit, in der Kinder und Eltern digitale Medien nutzten. Kindern zwischen acht und 14 Jahren mit ungesundem Medienkonsum hatten Lese-Rechtschreib-Schwächen, konnten sich schlecht konzentrieren, waren aggressiv und schliefen schlecht. „Im Moment können wir nicht sagen, was was bedingt, aber wir lernen, die Vorgänge besser zu verstehen“, sagte Professor Rainer Riedel von der Rheinischen Fachhochschule Köln.

Nicht alles pathologisieren

70 Prozent der Eltern fühlen sich unsicher beim Medienkonsum der Kinder. „Dass mehr Leute ihr Gehirn einschalten“, wünscht sich Neurowissenschaftler Dr. Dong-Seon Chang vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik Tübingen. Er erklärte die Mechanismen, die zur Sucht führen können: „Wir sind soziale Wesen. Bei der Interaktion mit anderen Menschen wird das Belohnungszentrum im Gehirn stimuliert. Wir wollen schnelle Rückmeldungen. Bei Onlinespielen kann man einfacher positives Feedback bekommen.“ Als Krankheit ist das Phänomen Internetabhängigkeit noch nicht anerkannt. Bis jetzt ist die Störung nur eine Forschungsdiagnose, bei der fünf bis neun bestimmte Kriterien erfüllt sein müssen. Ein bis zwei Prozent der Menschen in Deutschland sind von schwerer Internetabhängigkeit betroffen, gefährdet sind fünf Prozent. Frauen sind mehr in sozialen Netzwerken aktiv, Männer spielen häufiger. Dennoch ist nicht alles krank, was sich online abspielt. Entscheidend ist beispielsweise nicht die Nutzungsdauer, sondern der Kontrollverlust, das Vernachlässigen von Lebensaufgaben. Experten sehen hierbei kaum Unterschiede zu anderen Abhängigkeitserkrankungen.

Was in puncto Internetabhängigkeit jetzt nötig ist

Eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Lübecker Suchtforschers Dr. Hans-Jürgen Rumpf übergab der Drogenbeauftragten einen Empfehlungskatalog für Präventions- und andere Maßnahmen. „Es war absolut notwendig, das Thema zum Jahresschwerpunkt 2016 zu machen. Internetabhängigkeit ist keine Mode, sondern leider ein zentrales Thema unserer Zeit“, resümierte Marlene Mortler. Sie kündigte an, mit den zuständigen Bundesministern über die benötigte Forschungsstrategie des Bundes zu individuellen Folgen der Digitalisierung zu sprechen. Zudem müsse jeder lernen, den Stecker zu ziehen und den eigenen Medienkonsum zu begrenzen. Ihr persönlich kam das Thema Eltern zu kurz. Deshalb stellte ihr Team tagaktuell eine Informationszusammenstellung für Eltern auf der Website der Drogenbeauftragten online. Altersbeschränkungen auf Online-Spielen müssten überdacht werden und das veraltete Jugendschutzrecht (Stand 2003) müsse dringend aktualisiert werden. Internetabhängigkeit müsse als eigenständige Erkrankung anerkannt werden. Ebenso wichtig: „Digitales Ruhigstellen geht gar nicht.“ Mortler plädiert dafür, Kleinkinder erst mit Bauklötzen spielen zu lassen und erst später mit dem Tablet.

Auf der Jahrestagung 2016 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, tauschten sich 350 Fachleute in Berlin über Internetabhängigkeit aus.


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