Der Flyer ist sehr direkt. Wegschauen ist fast unmöglich. Auf der Titelseite sieht man eine an eine Computermaus gekettete Hand. In der Mitte schreien Großbuchstaben: „…wie Heroin aus der Steckdose“. Darunter ein Foto mit einer an den Computer geketteten, menschengroßen Puppe. Bildunterschrift: „Sie grölen, saufen, schlägern nicht – sie verschwinden nur einfach, ganz unmerklich. Warum tun immer noch alle so, als ob unsere Gesellschaft keine Probleme damit hätte?“

Aktive Angehörige von Mediensüchtigen

Schon 2007 gründeten Christine und Christoph Hirte die Münchener Elterninitiative „Rollenspielsucht“. Ein Jahr später kam der Verein „Aktiv gegen Mediensucht“ dazu. Sein Ziel: den Missbrauch elektronischer Medien genauso unpopulär zu machen wie Alkohol- und Drogenmissbrauch. Nach eigenen Angaben haben beide Webseiten täglich mehr als 1.000 Zugriffe. Der Antrieb der Initiatoren: sie hatten ihren Sohn an das Online-Spiel „World of Warcraft“ verloren. Die bewegende Geschichte über mehr als acht verlorene Jahre des jungen Mannes teilen sie mit anderen Menschen. Sie fordern auf, hinzuschauen und zu hinterfragen, wenn jemand Symptome einer Internetabhängigkeit zeigt. Bereits der Hinweis auf bestehende Online-Informationsportale kann sensibilisieren.

Netzwerk für Ratsuchende

Auf dem Portal „Aktiv gegen Mediensucht“ haben sich bisher über 400 Initiativen mit Hilfsangeboten eingetragen. Darunter sind Beratungs- und Präventionsangebote, Kliniken, Selbsthilfegruppen und Forschungsinstitute. Zudem gibt es mehrere Austausch- und Informationsforen, für die man sich registrieren muss. Christoph Hirte, der mit seiner Frau auch an einem Buch über #Internet- und Computerspielsucht mitgeschrieben hat, fordert Betroffene und Angehörige auf, Selbsthilfegruppen zu gründen. Er meint, dass sich viele Menschen die verheerenden Wirkungen der Mediensucht nicht vorstellen können und fordert: „Die flächendeckende Verharmlosung und Ignoranz muss zwingend und zeitnah beendet werden.“ Da die Familien die Hauptlast der Sucht tragen, liege der Schlüssel zur Veränderung bei den Angehörigen.

Meldestelle Sucht

Die Berliner TIME for kids Foundation ist ein gemeinnütziges Aktionsbündnis, das den Einsatz von Computer und Internet im Unterricht begrüßt, jedoch für ein Schulfiltersystem plädiert. Mit diesem können Lehrer Themenfelder oder einzelne Seiten, insbesondere jugendgefährdende oder entwicklungsbeeinträchtigende, sperren. Der Effekt wird mit dem wirksamen Rauchverbot in der Schule verglichen. Über die Internetseite meldestelle-sucht.de können Suchtexperten, aber auch Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter und Eltern sowie Jugendliche zudem Seiten melden, von denen sie meinen, dass sie suchtgefährdend sind. Die Liste können alle Interessenten anfragen.

Reif für die Liebe?

Pornos sind überall, aber kaum jemand spricht darüber. Fast die Hälfte aller Elf- bis 13-Jährigen haben bereits pornografische Bilder oder Filme gesehen, stellte bereits die Dr.-Sommer-Studie 2009 fest. Eine Online-Befragung von über 6.500 Personen im Jahr 2008 – also vor dem #Smartphone-Boom – ergab, dass zwei Drittel aller männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren täglich bis wöchentlich Pornos konsumieren. Wissenschaftlich ist belegt, dass Pornokonsum die Beziehungsfähigkeit gefährdet, sexuelle Gewalt fördert und ein hohes Suchtpotenzial hat. Die Fachstelle Mediensucht return in Hannover begleitet seit 2008 Medienabhängige beim Ausstieg. Neben einer Website und Veranstaltungen für Jugendliche werden auch Lehrkräfte fortgebildet. Weil es zuvor keine entsprechende Publikation gab, wurde ein Praxisbuch zur Prävention von Internet-Pornographie-Konsum veröffentlicht. „Fit for Love?“ ist bereits in dritter Auflage erhältlich. „Es wird inzwischen nicht nur von Lehrern, sondern auch von Therapeuten gekauft“, informiert return-Jugendreferent Dietrich Riesen.

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