„Zocken, Chatten, Posten, Liken – Generation Internetsüchtig?“ Die 2016er Jahrestagung der Drogenbeauftragten stellte schon in ihrem Motto in Frage, ob alle digitalen Aktivitäten auch besorgniserregend sind.

Cooles Hobby mit Verantwortung

Alexander Müller leitet das vielfach preisgekrönte eSport-Unternehmen SK Gaming. „Wir prägen die Jugendkultur mit, füllen Stadien. Gaming ist ein Zuschauersport“, sagt er. Zehntausende beobachten, wie wenige Spieler beispielsweise Counter Strike spielen. Als Unterhaltung der Zukunft werde das Phänomen weltweit zunehmen. Die Frage, ob Internetabhängigkeit ein Thema für das Unternehmen ist, beantwortet er schnell: „Absolut. Die Spieler müssen verstehen, wann sie Pause machen müssen.“ Wird ein virtueller Rennfahrer nach zwei Stunden nicht schneller, legen ihm die Trainer nahe, eine Pause einzulegen. Das Zeug zum Profi haben nach Müllers Ansicht 90 Prozent der Spieler nicht. „Es ist ein cooles Hobby, aber man muss verantwortungsvoll spielen.“ Eine Mitarbeiterin eines Jobcenters staunte nach dem Besuch eines Workshops der Branche: „Ich wusste vorher nicht, dass Gaming auch positive Seiten hat. Damit muss man sich befassen, bevor man das Spielen aus Unwissenheit total ablehnt."

Nur wenige spielen nicht

Einer Studie von 2015 zufolge besitzen 98 Prozent der 12-bis19-Jährigen einen eigenen Computer. 75 Prozent haben eine stationäre Spielkonsole. 68 Prozent der Jugendlichen spielen täglich oder mehrmals pro Woche Computerspiele. Nur vier Prozent der Jungen und 15 Prozent der Mädchen spielen überhaupt nicht. „Computerspiele sind ein zentraler Bestandteil der Freizeitgestaltung von Jugendlichen", fasst Dr. Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zusammen. Von #Internet Gaming Disorder, also einer krankhaften Störung, sprechen Forscher erst, wenn das Internet dauerhaft und wiederkehrend genutzt wird, um sich mit Spielen zu beschäftigen, und das „in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigung oder Leiden (mindestens über einen Zeitraum von zwölf Monaten)“ führt. Unerheblich ist, ob auf dem PC, Konsolen, Tablet oder Handy und ob online oder offline gespielt wird. In der von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchgeführten Drogenaffinitätsstudie 2015 kam heraus, dass viele Jugendliche in ihrer Freizeit mehr als 20 Stunden pro Woche im Internet verbringen. Im Vergleich zur Voruntersuchung 2011 fanden die Wissenschaftler mehr 12-17-Jährige, die durch internet- und computerspielbezogene Störungen belastet waren.

Wann man an eine Internetspielsucht denken sollte

Die Amerikanische Psychiatriegesellschaft hat die Diagnosekriterien im Jahr 2013 so definiert:

  1. Übermäßige Beschäftigung mit Internetspielen (gedankliche Vereinnahmung)
  2. Entzugssymptomatik, wenn das Spielen von Internetspielen wegfällt
  3. Toleranzentwicklung – das Bedürfnis, zunehmend mehr Zeit mit dem Spielen von Internetspielen zu verbringen
  4. Erfolglose Versuche, die Teilnahme an Internetspielen zu kontrollieren
  5. Interessenverlust von Hobbys und Freizeitbeschäftigungen als Ergebnis und mit Ausnahme des Spielens von Internetspielen (verhaltensbezogene Vereinnahmung)
  6. Fortgeführtes exzessives Spielen trotz der Einsicht in die psychosozialen Folgen
  7. Täuschen von Familienangehörigen, Therapeuten und anderen bezüglich des Umfangs des Spielens von Internetspielen
  8. Nutzen von Internetspielen, um einer negativen Stimmungslage zu entfliehen oder sie abzuschwächen (dysfunktionale Gefühlsregulation)
  9. Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, der Arbeitsstelle oder Ausbildungs- / Karrieremöglichkeit aufgrund der Teilnahme an Online-Spielen

Unterschieden werden exzessive Computerspieler (bei Jugendlichen bedeutet das eine tägliche Spielzeit von viereinhalb Stunden), riskante Computerspieler (unabhängig von der Spielzeit) und Personen mit pathologischem Computerspielverhalten (mehr als fünf Diagnosekriterien, unabhängig von der Spielzeit).

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