Märchenhafte Wesen und Fabelwesen

Wer von uns hat nicht noch Erinnerungen an die Märchen unserer Jugend vor Augen und an die oft skurrilen Kreaturen, die auf wundersame Art darin auftauchen. Drachen, Elfen, Greife, Zentauren, Riesen, Zwerge und Einhörner... um nur einige zu nennen. Aber was kann geschehen, wenn unsere moderne Zeit auf solche Wesen trifft? Lesen Sie folgende, nicht ganz ernst gemeinte Story über eine solche Begegnung.

Das Einhorn im Garten v. Thomas Rudolf

An einem sonnigen Morgen saß ein Mann in seiner Frühstücksecke und sah, als er von seinen Rühreiern aufblickte, ein weißes Einhorn mit einem goldenen Horn im Garten das in aller Ruhe die Rosen abfraß.

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Der Mann ging in das Schlafzimmer hinauf, wo seine Frau noch im Schlummer lag und weckte sie. "Im Garten ist ein Einhorn", sagte er, "und frisst Rosen." Sie schlug missmutig die Augen auf und schaute ihn böse an. "Das Einhorn ist ein sagenhaftes Tier!", sagte sie und kehrte ihm den Rücken zu. Der Mann ging die Treppe hinunter und in den Garten heraus. Das Einhorn war noch da und weidete jetzt in den Tulpen.

"Da, Einhorn", sagte der Mann und er rupfte eine Lilie ab und gab sie ihm. Das Einhorn fraß sie mit ernster Miene. Bewegt und in Gedanken, weil ein Einhorn in seinem Garten war, ging der Mann wieder hinauf und weckte abermals seine Frau. "Das Einhorn", sagte er ernst, "hat eine Lilie gefressen."

Seine Frau setzte sich im Bett auf und sah ihn kalt an. "Du bist ein Narr", sagte sie, "und ich werde dich in die Psychiatrie stecken lassen." Der Mann, der die Worte "Narr" und "Psychiatrie" nie gemocht hatte und sie an einem strahlenden Morgen, an dem ein Einhorn in seinen Garten war, noch weniger mochte, dachte einen Augenblick nach.

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"Das werden wir ja sehen", sagte er. Er ging zur Tür. "Es hat ein goldenes, gewundenes Horn mitten auf der Stirn", sagte er. Dann ging er wieder in den Garten, um dem Einhorn zuzusehen, aber das Einhorn war weggegangen.

Der Mann setzte sich in den Rosen nieder und schlief ein. Sobald ihr Gatte aus dem Haus war, stand die Frau auf und kleidete sich an, so schnell sie konnte. Sie war sehr aufgeregt, und es funkelte ein wilder Blick in ihren Augen. Sie rief die Polizei und einen Psychiater an; sie sagte ihnen, sie sollten schleunigst in ihr Haus kommen und eine Zwangsjacke mitbringen.

Als die Polizei und der Psychiater kamen, setzten sie sich auf Stühle und schauten sie mit großem Interesse an. "Mein Mann", sagte sie, "hat heute morgen ein Einhorn gesehen!" Die Polizisten blickten den Psychiater an, und der Psychiater sah die Polizisten an. "Er erzählte mir, es habe eine Lilie gefressen!" Der Psychiater sah die Polizisten an, und diese starrten auf den Psychiater. "Er erzählte mir, es habe ein goldenes, gewundenes Horn mitten auf der Stirn." sagte sie.

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Auf ein ernstes Zeichen des Psychiaters sprangen die Polizisten von ihren Stühlen und ergriffen die Frau. Sie hatten große Mühe sie zu überwältigen, denn sie wehrte sich fürchterlich aber schließlich überwältigten sie sie doch. Als sie sie in die Zwangsjacke gesteckt hatten, kam ihr Gatte wieder ins Haus zurück.

"Haben Sie ihrer Frau erzählt, Sie hätten ein Einhorn gesehen?" fragten die Polizisten.

"Natürlich nicht", antwortete der Gatte. "Das Einhorn ist doch ein sagenhaftes Tier." "Mehr wollte ich nicht wissen!", sagte der Psychiater. "Ich bedauere, mein Herr, aber ihre Frau ist total übergeschnappt." So führten sie die Frau weg, so sehr sie auch fluchte und schrie und brachten sie in eine psychiatrische Anstalt. Der Mann lebte seither glücklich und zufrieden bis an sein seeliges Ende. #Buch #Kunst