In dieser Fantasy-Geschichte schneide ich auch das Thema "Gewalt gegen Kinder" mit an. "Gut meint" es das kleine Mädchen mit ihrer umfassenden Liebe zu dem Drachen in der Kugel und gut gemeint ist natürlich das Geschenk ihres Vaters: die Drachenkugel. Zufrieden wäre ich, wenn meine Story vielleicht sensibilisiert und andere Menschen dazu bewegt bei jeglicher Form der Gewalt gegen Kinder nicht wegzusehen. Im wahren Leben steht einem nicht immer ein Drache zur Seite...


Die Drachenkugel


Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte die kleine Nelly voller Glück, geliebt und von ihren Eltern umsorgt und behütet zu weden. "Meine kleine Prinzessin..." sagte ihr Vater Gerhard oft zu ihr. Sie liebte ihn abgöttisch, ihren "Paha...". Aufgrund einer Lücke in ihren oberen Schneidezähnen lispelte die Kleine etwas. Tagsüber wurde sie von ihrer Oma versorgt, da ihre Eltern beide arbeiteten. Früh schon lernte sie sich ausgiebig mit sich selbst zu beschäftigen. Voller Phantasie entwickelte sie eine fast magische Welt für sich. Oft erzählte sie ihren "Paha" von ihren Spielen, der immer wieder überrascht über die Einfälle seiner Tochter, schmunzelnd zuhörte und sich derart in diesen magischen Momenten einzufügen vermochte. Einige Zeit später, am Nikolaus Abend, etwa drei Wochen vor ihrem vierten Geburtstag, wurde die kleine Familie vom heiligen Nikolaus aufgesucht. Der Tag war kalt und trübe gewesen, und Nellys Überraschung war über den unerwarteten Besuch groß. Der Heilige wurde freundlich von Mama und "Paha" bewirtet und begann Nelly aus seinem großen, goldenen Buch ihre Verfehlungen in der letzten Zeit vorzutragen. Gebannt, ein bisschen bange lauschte das Mädchen den Worten. Woher er das von ihr nur wusste. Ein Rätsel das Ganze. Ernst versprach Nelly dem Nikolaus, sich in Zukunft mehr anzustrengen und sich fortan zu bemühen. Kummer wollte sie ihren Lieben ja nun wirklich nicht bescheren. Danach wurden ihr Süßigkeiten, ein großer Stutenkerl mit tönerner Pfeife und ein eingewickeltes Paket überreicht. Nelly strahlte den Nikolaus an. Offenbar waren ihre Sünden doch nicht so schlimm gewesen. Als sie das Paket geöffnet hatte, jubelte sie laut auf. Ein Prinzessinnenkleid mit funkelndem Diadem, gold- und silbern durchwirkt lag da vor ihr. Ihr ganzes Leben hatte sie sich ja so ein tolles Kleid gewünscht! Wie würden Oma, ihre Freundinnen Evelyn und Sara sie darin bewundern. Einfach wunderbar... So glücklich ging dieser Dezembertag zu Ende.


Nellys vierter Geburtstag rückte heran und nach nur einmal schlafen war ihr Tag endlich da. Das kleine Mädchen war ganz aufgeregt. Sie hatte zwar reichlich schöne Geschenke zu Weihnachten erhalten, aber ihr Geburtstag war doch etwas Besonderes. Nicht nur, dass ihre Freundinnen zu Besuch kamen, Oma und Opa Heinrich (der alte Mann mit dem weißen Schnurrbart, der mit der Pfeife...), alle kamen sie um Nelly zu ehren. Leider hatte Vater Gerhard an diesem Ehrentage bis spät abends Dienst. "Paha" hatte jedoch versprochen seine kleine Prinzessin noch in ihrem Zimmer aufzusuchen und das Geburtstagskind auch zu wecken, selbst wenn sie schon schlafen sollte. Es war eine schöne, friedliche Feier geworden. Nelly hofierte, ganz Prinzessin, genoss die neidvollen Blicke ihrer Freundinnen, bedankte sich artig für die "fu - terpaen " (die Zahnlücke, Sie wissen schon) Geschenke. Es wurde ein langer Tag und später lag sie schon halb schlafend in ihrem Bett, als es leise klopfte und "Paha" ihr Zimmer betrat. "Guten Abend, mein Liebes!" begrüßte er sein Töchterchen. "War es denn schön für Dich, dein besonderer Tag?" Nelly strahlte und nickte. "Ich habe meiner Prinzessin auch etwas Zauberhaftes mitgebracht." Er überreichte ihr ein in golden glitzerndes Geschenkpapier umhülltes, kugelförmiges Paket. Aufgeregt nestelte die Kleine die vielen Schleifen auf und befreite den Inhalt endlich von der Verpackung. Und da hielt sie diese schillernde, funkelnde Kugel ganz fest in ihren Händen. Staunend blickte sie auf die Kugel. In ihr erblickte sie eine Bergklippe, am Fuße der Felsen, Wälder und ein Dorf. Auf dem Felsen saß er, die ledernen, silbern-scheinenden Schwingen leicht ausgebreitet. - der kleine Drache. Direkt in ihr Herz schien er in diesem magischen Augenblick zu blicken, und in Nelly wurde ein unbeschreiblich warmes, strahlendes Gefühl geweckt. Der Drache hielt seinen kleine Kopf etwas schief und schien ihr in ihrem Innern zu sagen "Bitte...hab` Du mich lieb..." Und das Mädchen verlor sich in diesem Moment für immer in den Augen der kleinen Kreatur im Inneren der Kugel. Wenn die Kugel leicht geschüttelt wurde, hüllten dichte, in sämtlichen Regenbogenfarben schillernde, winzige Kristalle den Drachen und die umgebende Landschaft ein. Ein funkelndes Gestöber tauchte die Kugel in fast mystische Farben. Nach einiger Zeit, Nelly war in Betrachtung ihrer Kugel versunken, strich Gerhard ihr liebevoll übers Haar und wünschte Gute Nacht. Glücklich versank das Mädchen ins Reich ihrer Träume.


Oft im Leben schlägt das Schicksal wahllos und grausam zu. Einige Zeit nachdem Nelly ihren Drachen erhalten hatte, kam am späten Nachmittag die schreckliche Nachricht. Mama, die mit ihrer Tochter "Mensch ärgere Dich nicht" gespielt hatte, nahm den Anruf entgegen. Erschrocken sah Nelly das Gesicht ihrer Mutter kreideweiß werden, und ihre sonst so forsche Stimme wurde leiser und trauriger. Mama sprach noch einen Moment, ihre Hände zitterten als sie den Hörer auflegte. In ihren großen Augen schimmerte es feucht, als sie sich zu Nelly wandte, "Schatz..." sagte sie leise, "Papa kommt nicht nach Hause." Ihre Stimme klang erschreckend tonlos, wirkte ungeheuer traurig. Der Tag verging in einer tristen Stimmung und abends, als Nelly von Mama ins Bett gebracht worden war, fragte die Kleine wann "Paha" denn wieder nach Hause kommen würde. Mutter nahm ihre Tochter liebevoll in die Arme und drückte sie an sich. "Vater ist von uns weggegangen..." erklärte Mama. "In ein anders Land. Er kommt nicht mehr zurück, Nelly." In dieser Nacht träumte Nelly von ihrem "Paha" der in einem wunderschönen Land auf einer großen Burg herrschte und voller Glück dort lebte.
In der kommenden Zeit begann Nelly in ihrer Fantasie den kleinen Drachen in der Kugel mit all ihrer Liebe zu verwöhnen. Hingebungsvoll pflegte das Mädchen die kleine Kreatur, fühlte wie ihre eigene Trauer über den Verlust ihres Vaters von dem Drachenkind mit getragen wurde. Durch die warmen Wellen der Liebe und des Mitgefühls war diese Last leichter für sie. Die Beerdigung ihres Vaters begriff sie kaum, für sie war es ja nur ein Gruß in dieses schöne Land in dem ihr geliebter "Paha" lebte. Oft betrachtete sie abends vorm Einschlafen ihren Drachen und träumte davon, dass er sie an einen wunderbaren Tag zu der Burg ihres Vaters führen würde, wo sie als Prinzessin empfangen und gefeiert werden würde. So verging die Zeit, ihr kleiner geliebter Drache wuchs unter ihrer liebevollen Pflege heran. Mama hatte einen anderen Mann kennen gelernt. Nach einiger Zeit brachte sie diesen Mann mit nach Hause. Beim Abendessen (es gab Nellys Lieblingsgericht-Spaghetti mit Tomatensauce) teilte Mama feierlich ihrer Tochter mit, dass Johann jetzt mit Ihnen leben würde. Nelly blieb schweigsam und scheute vor diesem Mann zurück. Sie mochte ihn nicht. Johann gab sich große Mühe, das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen-die Kleine blieb jedoch reserviert. Mama schien die Zurückhaltung ihrer Tochter nicht zu bemerken und schwatzte munter drauf los, wie schön das Leben mit Nellys neuem Vater werden würde.


Die nächsten Wochen versuchte der Mann Nellys Vertrauen zu gewinnen. Doch das Mädchen blieb verschlossen, wurde immer stiller und trauriger. Mama schien die Veränderung ihrer Tochter nicht wahrzunehmen. In ihre Arbeit hatte sie sich gestürzt, versuchte so den plötzlichen Tod ihres Mannes zu vergessen und zu verdrängen. Deshalb nahm sie die sich am Horizont andeutenden, drohend aufziehenden Wolken nicht wahr. Schon bald verlor Johann seine Arbeitsstelle. Dass er gerne Bier trank, wusste Mama bereits. Gutgläubig wie sie war, vertraute sie ihm und merkte gar nicht, dass der Mann andere, zunehmend stärker werdende Getränke konsumierte. Nelly wurde von ihm morgens in den Kindergarten gebracht und mittags nach Hause geholt. Sie wurde immer in sich gekehrter, stiller und scheuer. Und so geschah es, dass Johann die Kleine plötzlich ohrfeigte, als sie eine Teetasse umstieß. Beschwörend brachte er das Mädchen zu Ruhe. Nelly, die in ihrem jungen leben noch niemals geschlagen worden war, klagte ihrem Drachenkind ihr Leid. Und wie so oft linderte das warme, magische Licht ihres Drachen ihre Pein. Doch das war nur der Anfang. Johann, der immer mehr trank, ließ nun zunehmend seinen Frust an dem Mädchen aus. Bei jeder Kleinigkeit wurde Nelly von ihm angeschrien, und erst nur geohrfeigt. Später schlug er sie mit seinem Gürtel, quälte die hilflose Kleine bei jeder Gelegenheit. Oft genug vernahmen die Nachbarn das laute Weinen des Mädchens. Keiner fragte nach, keiner unternahm etwas, niemand sprach die Mutter an. Seine Drohung auch Mama weh zu tun, versiegelte nun auch den Mund des Mädchens, fortan schleppte sie ihren Kummer alleine. Nur ihr Liebling, der kleine heranwachsende Drache vernahm ihren wachsenden Kummer.


Anfang Juni, der Frühsommertag begann mit strahlend, blauem Himmel, Nelly war im Kindergarten, lief Johann in der Wohnung wütend auf und ab. Der Griff zur Flasche Wodka konnte heute seinen Zorn nicht dämpfen. Böse war er auf Nellys Mutter, die für ein paar Tage auf Schulung ins ferne Bayern gereist war und es wagte ihn alleine mit dem Balg zu lassen. Zusätzlich noch frustriert, brodelte es immer stärker in ihm. Als er die Kleine aus dem Kindergarten geholt hatte, setzte er ihr lieblos das Mittagessen vor und schickte sie danach in ihr Zimmer. Der Nachmittag brach an, es war schwül warm geworden und grau zogen die ersten Gewitterwolken auf. "N E L L..." brüllte der Mann los. Polternd, dumpf dröhnten seine Schritte, sich dem Kinderzimmer nähernd. Nelly, die träumend vor der Drachenkugel saß, zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte ihren Drachen gepflegt und die wohltuende Liebe der Kreatur im Herzen aufgenommen. In der Kugel fletschte der Drache seine Zähne und ein Ruck ging durch den kräftigen Reptilienleib. Seine Augen funkelten in düsteren Rot, als er eine vage, nicht zu fassende Drohung spürte, die auf seiner geliebten "Mutter" gerichtet wurde. Nelly sah zur Tür, die krachend aufgestoßen wurde. Mit gerötetem, verzerrtem Gesicht stand er da plötzlich vor ihr, ihren Namen brüllend. In seiner rechten hielt er einen Ledergürtel umklammert. Er packte das Mädchen und zerrte sie zum Bett. Wimmernd versuchte sie sich aus dem brutalen Griff des großen Mannes zu befreien, vergeblich. Einen schluchzenden, hell verklingenden Schrei stieß sie noch aus, als sie auf das Bett krachte. Die Drachenkugel klirrte auf den Boden, das Zerspringen des Glases tat fast mehr weh, als die klatschenden Hiebe des Gürtels auf ihren Körper. Tränen des Schmerzes liefen ihr übers bleiche Gesicht.
Unverhofft ließ der Mann das Mädchen los. Die Hiebe auf Nelly hörten auf. Ein erst leises, dann lauter schallendes Knurren lag plötzlich im Zimmer. Eine schuppige Klaue hatte den Mann gepackt und riss ihn nun in die Höhe. Entsetzt starrte er auf den großen Schädel des Drachen der sich vor ihm aufbäumte. Die Lefzen gebleckt, enthüllten sich weiß funkelnde Reißzähne, drohend quollen gelblich Rauchschwaden aus den Nüstern. Die Flügel spreizten sich, als dieses unvorstellbare Wesen den Mann in sein erwartungsvolles Maul zog. "Pf...ffff." war das einzige und letzte, was Johann noch von sich geben konnte. Dann schlossen sich die Kiefer um den Mann. Die letzten Augenblicke im Leben im Maul eines Drachen zu verbringen, ist wirklich nicht empfehlenswert. Nelly blickte ihren Drachen an. Dieser rülpste, Rauch quoll aus dem Maul. Schuldbewusst hielt sich der Drache die Klaue vors Maul und rülpste noch einmal. Nelly tätschelte ihm liebevoll über die Schuppen seines Bauches.








Als die Polizei später in die Wohnung kam (endlich hatte ein Nachbar Hilfe herbeigerufen) fanden sie Nelly traurig in ihrem Zimmer vor. Es roch etwas nach Schwefel. Auf dem Boden lagen Glasscherben einer zerbrochenen Kugel, die silbrig funkelten. Von dem Mann, der auch hier wohnen sollte, fehlte jede Spur. Nellys Oma war gekommen, auch sie vermochte nicht irgendetwas aus dem Mädchen herauszubringen. Tief in der Vollmondnacht stand Nelly an ihrem Fenster und blickte empor zu den Sternen. Dort oben konnte sie ihn sehen: ihren Drachen. Wie stolz und würdevoll er am Himmel stand und mit seinen gespreizten Schwingen auf sie herunter blickte. Das helle, warme Gefühl seiner Liebe zu ihr, umhüllte sie, Es würde ihr keiner in ihrem Leben mehr wehtun, sie quälen oder zum Weinen bringen, ihr Drache wachte über sie. Nelly winkte ihm zu Abschied zu und ging glücklich seufzend ins Bett zurück, wo ihre Träume auf sie warteten und sie in eine friedliche, glückliche Zukunft voller Liebe und Vertrauen führen würde.


#Kunst