Es ist eine ungleiche Auseinandersetzung, die sich aktuell zwischen dem YouTuber Simon Unge und dem Satiriker und Fernsehmoderator Jan Böhmermann abspielt. Gewissenmaßen ist es eine Auseinandersetzung zwischen #Fernsehen und #Internet. Anfang Februar provozierte der Moderator nun in der ersten Folge der neuen Staffel "Neo Magazin Royale" (ZDF, zdf_neo) erneut, indem er ironisch "#ungefickt" als Hashtag der Woche deklarierte.

Etwas mehr als sechs Wochen ist es her, dass Simon Unge seine beiden sehr erfolgreichen Kanäle "ungespielt" und "ungefilmt" auf YouTube aufgegeben hat und in einem Statement gegen die Netzwerk-Firma Mediakraft wetterte.

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Das ernste Video zum Ausstieg aus dem Netzwerk sorgte für reichlich Aufruhr auf YouTube und in den sozialen Netzwerken im Internet. Das Video ist dramatisch inszeniert, es spielt das "Lied der Befreiung" aus dem Videospiel "Legend of Zelda" im Hintergrund, das Video ist in schwarz-weiß gehalten und gefüllt mit bedeutungsträchtigen Superlativen. Nicht zuletzt deswegen wird der assoziierte Hashtag #Freiheit auf Twitter einen enormen Trend ausgelöst haben. Denn das Verlassen des Netzwerkes und die Aufgabe zweier Kanäle mit einer gesamten monatlichen Reichweite von über 30 Millionen Zuschauern (gemessen an Videoaufrufen) zieht bedeutende Konsequenzen nach sich. Nicht nur ist mit der Reichweite ein großer finanzieller Aspekt verbunden, denn Simon Unge verdient durch die Platzierung vom Werbeanzeigen rund um seine Videos eine nicht unerhebliche Summe Geld, auch entsteht durch das Statement von Simon Unge ein großer Image-Schaden für den Netzwerk-Giganten Mediakraft, bei dem Unge seit Anfang 2014 unter Vertrag stand.

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Von vielen Seiten wurde Mediakraft kritisiert, beleidigt und teilweise sogar Mitarbeitern der Firma mit Mord gedroht. Auch verließen kurz nach Simon Unge auch "ApeCrime" das Netzwerk, ein Comedy-Trio, das ebenfalls einen der reichweitenstärksten Kanäle in Deutschland führt. Der Schaden, der dadurch für Mediakraft entsteht ist zweifellos enorm, denn das Unternehmen verdient an den Videos ihrer Partner mit. Im Gegenzug soll es die Partner bei der Umsetzung und Vermarktung ihrer Videokanäle unterstützen. Im Falle Simon Unge sei dies nicht in dem vertraglich geregelten Maße geschehen, so Unge in seinem Video-Statement.

Viele bekannte deutsche YouTuber äußerten sich dazu auf den sozialen Netzwerken positiv und die Thematik wurde in verschiedensten Videos anderer YouTuber thematisiert. Moderator und Satiriker Jan Böhmermann, bekannt durch das "Neo Magazin Royale" und die "LateLine" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, kritisierte dagegen in einem Interview auf YouTube von Ende Januar das Verhalten von Simon Unge und nannte die Aktion einen "uncoolen Move".

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In dem Interview mit Visa Vie betont er, dass Unge mit dem Ausstieg Vertragsbruch begehe und kritisiert insbesondere, dass Unge sich mit seinem Video Rückhalt durch seine Fans hole. Böhmermann unterstellt Unge dabei selbstverständlich, dem Vertrag bei Vertragsschluss zugestimmt zu haben und wirft ihm vor, nicht zu seinen "geschäftlichen Entscheidungen" zu stehen. Im Gegensatz dazu macht Unge deutlich, dass er nicht unzufrieden mit dem Vertrag gewesen sei, sondern vonseiten Mediakrafts nicht die Vorgaben des Vertrages eingehalten worden seien und er somit die Kooperation mit dem Netzwerk beende. Böhmermann lehnt sich hier offensichtlich weit aus dem Fenster, versucht er doch eben diese Situation zu beurteilen, ohne über die wahren Hintergründe genau informiert zu sein. Er unterstellt Unge im weitesten Sinne eine geschäftliche, finanzielle Motivation, während Unge eigenen Aussagen nach menschliche Verhältnisse zwischen ihm und dem Netzwerk zugrunde legt.

Einen anderen Aspekt karikiert Böhmermann in dem Interview jedoch zurecht: die blinde Treue der Fans von Simon Unge, die quasi einheitlich hinter der Entscheidung des 24-jährigen stehen. Stilistisch einwandfrei thematisiert Jan Böhmermann satirisch den Umstand, dass die hauptsächlich jugendlichen Fans von Unge dessen Überlegenheit in der Diskussion an situationsunabhängigen Aspekten festmachen, wie dem Fakt, das Unge "Longboard" fahre, eine Rasterfrisur trage sowie ein "netter Typ" sei. Böhmermann stellt klar, dass YouTuber wie Simon Unge mit ihren Videos nicht ihre wahre Persönlichkeit darstellen, sondern vielmehr in ähnlicher Weise wie Stars aus anderen Bereichen lediglich zielgerichtet entertainen wollen. Böhmermann positioniert sich dabei deutlich in einer Frage, die im Internet oft verschwimmt - der Grenze zwischen dem Stardasein als hauptberuflicher YouTuber und YouTube als Freizeitgestaltung. Zweifelsohne ist die Nähe der YouTuber zu ihren Zuschauern und ihre Offenheit gegenüber ihrem Publikum sicher ein Erfolgsrezept, andererseits stellt Böhmermann hier klar, dass Unge und vergleichbare YouTuber in ihren Videos nur ein Unterhaltungsprodukt liefern, das ebenso ein finanzieller Faktor ist wie vergleichbare Produktionen im Musikgeschäft.

Jan Böhmermann hält wie schon sooft der Gesellschaft einen Spiegel vor, und kritisiert einerseits das Verhalten von Simon Unge und das Verhältnis zwischen YouTubern und ihren Zuschauern, andererseits lehnt er sich mit einigen Vorwürfen zu weit aus dem Fenster, da ihm relevante Insider-Informationen fehlen, die zu einer einwandfreien Bewertung des ganze Konfliktes zwischen Simon Unge und Mediakraft unabdinglich wären. Indirekt gibt er dies in dem Interview bereits zu, indem er vorschlägt, das Thema mit Christoph Krachten, einem (mittlerweile ehemaligen) Mitarbeiter des Netzwerkes Mediakraft, in seiner eigenen Talk-Show zu thematisieren.

Dazu kam es zunächst zwar nicht, jedoch spielte das Thema in der ersten Folge der vierten Staffel vom "Neo Magazin Royale" eine Rolle, mit dem Hashtag #ungefickt, den Böhmermann im Scherz zum sendungsbegleitenden "Hashtag der Woche" erklärte, provozierte er nun erneut, diesmal jedoch erstmals vulgär. Das Wortspiel bezieht sich auf die von Simon Unge hervorragend etablierte Corporate Identity mit "unge-spielt" und "unge-filmt", sowie zahlreichen weiteren Wortspielen.

Nach dieser Aktion ist nun fraglich, mit welchen Motiven Böhmermann sich in diesen Konflikt einmischt. Ist seine Motivation am Ende etwa, durch Provokation und Polarisation auf die neue Staffel seiner Late-Night-Show aufmerksam zu machen? Eigenwerbung für die Fernsehshow, mit der Absicht, YouTube-affine Jugendliche wieder zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu locken? In diesem Fall ist er damit zweifellos erfolgreich, obwohl inoffiziell deklariert war der Hashtag #ungefickt am Freitag bereits in den Trends auf Twitter, und in allen Medien wurde bereits kontrovers darüber berichtet. Weiterhin bleibt die Frage, ob sich der Konflikt langsam abbaut oder ob es noch zu einer direkten Konfronation kommen mag, sei es zwischen Simon Unge und Jan Böhmermann oder zwischen Jan Böhmermann und der Firma Mediakraft.