Es begann doch so spannend. Dazu karrte man eine Truppe nicht-kamerascheuer Zuschauer in die Brandenburger Wildnis vor den Toren Berlins, nannte sie Pioniere und überließ sie vermeintlich ihrem Schicksal.

Zugegegeben, von der Grundidee eines Sir Thomas More, der vor 500 Jahre das Buch "Utopia" schrieb, sind die Models, Landwirte und Individualisten weit entfernt, dafür sind sie Stammkunden im örtlichen Rewe-Markt. Und eins muss man Sat.1 ja nun wirklich lassen, mit dem Cast hat man sich ziemlich viel Mühe gegeben: extreme Typen, wie das blonde Model Diellza, der knallharte Derk, Freigeist Candy, der seit seinem Einzug vergeblich auf Polygamie hofft oder der zu Aggressionen neigende Fitness-Trainer Hans, mit seiner, in der Tat, schlimmen Kindheit.

Werbung
Werbung

Formate wie Big Brother kränkelten damals an sinnlosen Spielen und purer Langeweile. Bei Sat.1 kränkelt der auffällige Cast für Newtopia und die Machart eben genau wie der Rest des Trash-TV an dem selben Problem, man will es sich nur nicht eingestehen. Die Quoten bleiben im Sinkflug.



105 Kameras und 57 Mikrofone zeichnen das Geschehen aller 15 Bewohner auf. Von einem soziologischen Experiment konnte noch nie die Rede sein, sondern es geht um knallhartes Reality-TV, wo die Teilnehmer rund um die Uhr gefilmt werden. Zudem werden mehrere Live-Streams ins Internet übertragen, die passende App gewährt sogar 360-Grad-Einblicke. Was wir auf den zwei Hektar Land nun geboten bekommen, sind weniger die Ideen und deren Umsetzung für eine neue Existenz, sondern eher die Frage wieviel Schokolade jede Woche bestellt werden sollte.

Werbung

Der örtliche Rewe-Markt im benachbarten Königs Wusterhausen liefert regelmäßig nach Newtopia, zumindest bis die Kohle der Pioniere aufgebraucht ist. Das Geld soll noch so um die 30 bis 35 Tage reichen. Bis dahin wird weniger geraucht und pro Person nur eine Tafel Schokolade verbraucht. Diese Diskussionen sind nach 35 Tagen so spannend wie einer Raufasertapete während der Renovierung beim Trocknen zuzuschauen.



Auch die Protagonisten bekommen ganz klar ihre Rolle aufgedrückt. Der 30-jährige Hans ist die tickende Zeitbombe, der jeden Moment in die Luft geht. Diellza hat von ihrer Schwester einen Brief bekommen, dass diese ernsthaft erkrankt ist und sie bittet auf ihre Kinder aufzupassen, sollte sie aus dem Leben scheiden. Diellza hat nach Rücksprache aber den Wiedereinzug nach Newtopia entschieden. Der ganze Plot bekam mit viel Tränen, Rückblenden, dramatischer Musik und Zoom ganze zwei Folgen eingeräumt. Die Schwester kann einem wirklich nur leid tun. Irgendwo ist immer einer schwer krank oder gestorben.

Werbung

Das darf auch in Newtopia nicht fehlen. Ebenfalls werden scheinbar auch Notrufe noch nachgestellt. So musste der Notarzt zwei mal gerufen werden. Das klang dann wörtlich so: "Hier ist Newtopia, einer unserer Pioniere ist verletzt, bitte kommen Sie schnell."



Schnell ist auch der Tagesablauf erzählt. Neben Toiletten bauen, melken, rauchen und Rewe-Wocheneinkauf passiert sonst nicht mehr viel. Deshalb versuchte man ein weiteres Klischee zu bedienen und holte in der letzten Woche den Vamp auf den Hof. Andreia hat zwar einen Freund draußen, aber man weiß ja nie, wie lange man in Newtopia verweilt und man ist doch ganz offen für Neues. Die 27-jährige Grafikdesignerin vom Ländle verdrehte gleich allen Männern den Kopf, wie der Off-Sprecher mehrmals wiederholte. Das war schon allein deswegen notwendig, weil das wohl in dieser Form nicht überzeugend von der Pionierin gezeigt wurde - eigentlich unterhielt sie sich nur höflich. Danke dem Off-Sprecher. Es sind so alte Klischees in der neuen Welt, die wir jede Folge serviert bekommen. #Fernsehserien #Fernsehen

35 Tage - und nichts passiert, was nicht auch in der realen Welt passieren würde. Nichts wird deshalb noch dem Zufall überlassen. Das große Abenteuer mit echten Menschen, mit echten Gefühlen und Träumen bleibt bisher aus, da muss die Produktion eben nachhelfen. Ein neues Techtelmechtel wird uns schon auf der Internetseite angekündigt. Wer es jetzt kaum noch vor Aufregung aushält und auf Facebook schon mal schauen will, wird enttäuscht. Denn gestern soll die Produktionsfirma, bzw. Sat.1 nach Informationen der Märkischen Allgemeinen Zeitung die Kommentarfunktion auf der Newtopia-Facebookseite gesperrt haben. Zu gemein wären die Kommentare gewesen, klärte die Zeitung weiter auf.



Vielleicht klappt dann wenigstens die Anmeldung für einen Besuch bei Newtopia. Denn dieses lädt Zuschauer zum Osterfest mit ihren Kindern ein.