Was war das für ein Unterhaltungsabend! Sanfte TV-Unterhaltung mit deutschen Musikern jeder Genre-Couleur, einer charmant-witzige Barabara Schöneberger, die vielleicht einen Witz zu viel auf ihre eigenen Kosten gemacht hat, einer hühnerbrüstigen Conchita (auf das „Wurst“ wurde sehr bewusst während der gesamten Show verzichtet) und dann – der große Knall am Ende der Sendung!

Doch von vorn: Gestern Abend lud die ARD zur besten Sendezeit zur gemeinschaftlichen Wahl unseres Vertreters für den diesjährigen Eurovision Song Contest ein – und tausende Zuschauer in der Hannoverschen TUI-Arena und daheim vor der Mattscheibe folgten der Einladung.

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Der Abend versprach Unterhaltung – bis zur letzten Sekunde!

Der Abend deutete Unterhaltungspotential an, schließlich versprachen die zur Wahl stehenden Teilnehmer Mrs. Greenbird, Laing, Fahrenhaidt, Faun, Noise Generation, Alexa Fester, Wild Card-Gewinnerin Ann Sophie und Andreas Kümmert ein breites musikalisches Spektrum von Mittelalter-Folklore über Singer-Songwriter-Klänge und soulige Powerstimmen bis zu elektronischer Tanzmusik. Man durfte durchaus gespannt sein, welcher der mehr oder weniger bekannten Acts, die teils fest etabliert, teils frisch gegründet und teils diversen Castingshows entsprungen waren, am Ende das Rennen machen würde und Deutschland am 23. Mai beim 60. Eurovision Song Contest in Wien vertreten dürfte.

Nachdem alle der Reihe nach einen Song vortrugen und Mark Foster als Pausenfüller das Publikum bei Laune hielt, wurden die vier Halbfinalisten verkündet.

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Weiterhin auf ein Ticket hoffen durften Alexa Feser, Laing, Ann Sophie und Andreas Kümmert. Es folgte eine weitere Gesangsrunde – schließlich durften die Zuschauer nicht nur bestimmen wer, sondern auch wer mit welchem Song zum ESC reisen durfte! Nach dieser letzten KO-Runde und einer Gesangseinlage von der außer Konkurrenz auftretenden Stefanie Heinzmann standen die beiden Finalisten fest: Ann Sophie mit ihrem Song „Black Smoke“ und Andreas Kümmert mit „Heart of Stone“ – souliger Pop gegen souligen Pop. Das Publikum war gespannt. Konnte sich die hübsche Underdog-Kandidatin aus Hamburg gegen den stimmgewaltigen Kümmert durchsetzen? Um die Leute noch einmal zum Anrufen zu animieren (es gab immerhin auch eine Reise zum ESC nach Wien inkl. Flug und Hotel zu gewinnen) und um das wahrscheinlich sehr labile Gedächtnis aller ARD-Zuschauer noch einmal aufzufrischen, trugen beide Solo-Künstler ihre Songs abermals vor.

Um die Unterhaltungsshow nicht unnötig in die Länge zu ziehen, und dies muss man der Moderatorin wirklich hoch anrechnen, wurde bald darauf auch schon der glorreiche Sieger des Wettbewerbs verkündet – oder eher gesagt: Auf einer rautenförmigen LED-Wand eingeblendet.

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Als Andreas Kümmert sich selbst auf dieser sah, huschte ein verlegenes Lächeln über seine Lippen. Verliererin Ann Sophie applaudierte höflich, Barbara Schöneberger, deren kunstvoller Haarturban alles und jeden übertraf, war sofort darum bemüht, den ersten (überwältigten) O-Ton von „unserem Star für Österreich“ einzufangen.

„Coitus Interruptus der schlimmsten Sorte“

Was dann passierte, konnte keiner kommen sehen: Kümmert lehnte seinen Titel ab! Er fühle sich dazu nicht in der Lage, so der krausbärtige Sänger. Die Reaktion waren ungläubige Blicke und Stottern von Seiten der Schöneberger („Das ist ein Coitus Interruptus der schlimmsten Sorte.“), völlige Irritation von Ann Sophie („Also fahr ich jetzt nach Wien?“) und Buh-Rufe aus dem Publikum.

Das Ende der Sendung war dann hingegen wieder perfekt einstudiert. Babsie Schöne moderierte souverän ab, nachdem sie alleinig die Entscheidung getroffen hatte, dass Newcomerin und Lena Meyer-Landruth-Look-alike Ann Sophie zu unseren alpenländischen Nachbarn fahren darf und ebendiese ihren „Siegersong“ zum nunmehr dritten Mal performte. Der obligatorische Goldregen fiel vom Arena-Himmel und die Fernsehwelt war wieder in ihre Fugen gerückt worden.

Heute, einen Tag später, stellen sich nur noch zwei Fragen: Warum hat er das getan? Und warum ist er überhaupt angetreten, wenn er gar nicht gewinnen wollte? Eine offizielle Antwort von Andreas Kümmert gab es bisher nicht. Spekulanten gehen davon aus, dass der „Vollblutmusiker“ sich selbst einfach treu bleiben will und den Rummel um seine Person nicht braucht (schließlich hatte Kümmert nach seinem Gewinn der Casting-Show „The Voice of Germany“ auch die darauf folgende Konzert-Tour verweigert). Andere sehen in ihm einen psychisch Labilen, der nicht genau wüsste, was er da getan hat. Die Stimmen im Netz schwanken zwischen absolutem Verständnis und Respekt und kopfschüttelnder Kritik à la „Er hat anderen Künstlern die Chance auf’s Finale genommen“.

Bild: Frank Schwichtenberg - Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons #Musik #Fernsehen