Die Idee war nicht schlecht: Am 23. Februar 2015 startete das größte TV-Experiment aller Zeiten - so vollmundig Sat.1. Man würfelte dafür 15 Leute zusammen, die verrückt genug waren, sich für ein Jahr in Dauerbeobachtung zu begeben - ohne Betten, ohne Essen, ohne Konsummöglichkeit, ohne Smartphone und ohne Kommunikation in die Welt da draußen. Quasi um Jahrhunderte zurück versetzt. Mit über 2,8 Millionen Zuschauer war es mit diesen Ankündigungen für den TV-Sender auch ein vielversprechender Start, das Zuschauerinteresse enorm.



In dieser Woche dürften die Verantwortlichen des Senders zur Krisensitzung einberufen haben. Die absolute Zuschauerzahl lag beim Gesamtpublikum, als auch in der für den TV-Sender wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, so niedrig wie noch nie: Insgesamt schalteten nur noch 1,5 Millionen Zuschauer ein (Quelle der Quotenmessung: Branchendienst dwdl.de).

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Quotenabsturz! Ein Trend, der seit Wochen anhält.



Was lief schief? Sat.1 ist es nicht gelungen den Spannungsbogen aufzubauen. Stattdessen bediente man schnell die üblichen Klischees, die man schon aus Big Brother, Dschungelcamp oder sonstigen Trash-Formaten kennt. Es war kein Experiment mehr, sondern schnell eine Kopie der Kopie. Christian, der Landwirt, kommt als "Bauer sucht Frau" daher, der ganz scharf auf die 27-Jährige Andreia ist. Hans wurde als Kind geschlagen, übernimmt den Part des traumatisierten Problem-Menschen und wird regelmäßig als aggressiv dargestellt. Der 44-jährige Politikwissenschaftler Candy ist quasi der Rainer Langhans (Gründer der Kommune 1) in Newtopia. Er ist der Einzige, der wirklich noch unterhält. Auf sich selbst angewiesen und mit 5.000 Euro Budget ausgestattet, sollte der Zuschauer eigentlich sehen wie die Gruppe in einer neuen Welt, in den Wäldern von König Wusterhausen (Drehort der Sendung, liegt ca.

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30 km entfernt von Berlin), sich selbst findet. Klasse Idee. Nur ging der Schuss ordentlich nach hinten los. Die Protagonisten hängen den ganzen Tag ab, verbraten ihr Budget bei wöchentlichen Einkäufen, die sie sich liefern lassen, bestellen sich im Hagebau-Baumarkt hübsche Toiletten und Keramikwaschbecken, einen Laptop, legen sich Internetanschluss und buchen eine Online-Flatrate. Shoppingwahn kann der Zuschauer auch im heimischen Einkaufscenter, an einem Samstagvormittag beobachten und braucht dafür keine tägliche TV-Sendung. Das langweilt. Bis gestern.

Endlich kommt wirklich Spannung auf! Seit letzter Woche ist die Gemeinschaft, bereits nach einem Monat, pleite. Ihr Konsumrausch und Missverständnis für das TV-Experiment stellt sie vor eine unlösbare Aufgabe. Jetzt endlich könnte Sat.1 und der Produktion die Kehrtwende gelingen. Möchte man meinen! Doch was kündigt Sat.1 in seinem Teaser an? "Friseur Dennis wird kommen und bietet 5.000 Euro an!" Wer kommt auf eine solch haarsträubende Idee? In Sat.1 kommen also Haarstylisten, die lange Haare sammeln wollen und - was für ein Zufall - mal eben das Budget wieder auffüllen.

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Es ist nicht nur offensichtlich, sondern auch Beweis dafür, dass man den Zuschauer vollends für dumm hält. Denn statt jetzt die Akteuere wirklich sich selbst zu überlassen, den Zuschauer endlich zum mitfiebern zu bringen, wenn Menschen um das nackte Überleben kämpfen müssen, schickt Sat.1 lieber Hobbyfriseure rein und löst das Problem mit Geld. Offenbar hat man vielleicht Angst, dass die Teilnehmer das Handtuch werfen und das Camp verlassen.



"Wir müssen eine Wende hinbekommen", sagt eine Mitarbeiterin von Talpa Germany, der Produktionsfirma der Sendung. Sie möchte ihren Namen nicht nennen. "Natürlich bekommen wir jeden Morgen auch die Zahlen (Einschaltquoten, Anm. d. Autors) und das beunruhigt uns schon. Wenn die Quotentalfahrt anhält, setzt Sat.1 zeitnah die Sendung ab." Deshalb wolle man weitere Teilnehmer nach Newtopia lassen. "Wir haben spannende Bewerber in den Startlöchern."

Nur liegt es weniger an den Teilnehmern, sondern an den Machern, die nicht wirklich konsequent das versprochene Konzept der Sendung umsetzen. Der Teilnehmer Lennert, der Handwerker unter den Pionieren, sagt in der heutigen Sendung: "Wir sind mit allen auf die Fresse gefallen! Wir haben keinen Plan B!" Das könnte schon bald für Sat.1 und besonders für die Produktionsfirma Talpa gelten.

#Fernsehserien #Fernsehen