Der Mensch teilt gerne in Kategorien ein, um sich besser auszukennen - zumindest nimmt er das an. Das gilt auch für die Entwicklung der - sagen wir es einmal ganz generell - deutschsprachigen Musikszene. Selbst in der Klassik gab es so etwas wie Schlager, oder auf gut wienerisch, "Gassenhauer". In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat man ganz strikt zwischen deutschem Schlager und deutschem Chanson bzw. Liedermacher unterschieden. Wie schwierig eine derartige Schubladisierung ist, beweist der Rückblick auf die deutsche Popmusikgeschichte der letzten 200 Jahre.

Am Brunnen vor dem Tore

Kein geringerer als Franz Schubert hat einen der ersten deutschen Popmusik-Welterfolge vor etwa 200 Jahren komponiert.

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"Der Lindenbaum", aus dem Liederzyklus "Winterreise", wurde als "Am Brunnen vor dem Tore" zum Volkslied und Welterfolg. Also Klassik und Volkslied in Union. Bereits vorher haben es aber einzelne Arien aus deutschen und italienischen Opern zu, man würde heute sagen, Topsellerstatus gebracht. W. A. Mozart mit einigen Arien aus der "Zauberflöte" - wie zum Beispiel "Der Vogelhändler bin ich ja" - Uraufführung 1791 in Wien. Der Schwenk der Klassik hin zur "Popmusik", die einen Großteil der Menschen erreichte, schafften dann die Strauss-Dynastie und die großen Operettenkomponisten wie Franz Lehar.

Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Der Spielfilm wurde von 1930 bis 1950 zum Massenmedium und war auch gleichzeitig Transporteur für die großen Schlager jener Zeit. Im späteren, radikalen Sinne, waren es aber keine Schlager, sondern eher Chansons.

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Marlene Dietrich setzte den ersten großen Leuchtturm. Im Film "Der blaue Engel" sang sie "ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Der Titel selbst ein Evergreen, der Film ein Klassiker. Ab 1950 entwickelte sich dann das, was wir heute gemein als "deutschen Schlager" bezeichnen. Freddy Quinn, Caterina Valente, Vico Torriani, Peter Kraus, Peter Alexander bis zum jungen Peter Maffay ist so etwa die Linie, die dem typischen deutschen Schlager entspricht.

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Es kam dann die Zeit, in der es für junge Leute ein Imageproblem bedeutete, deutsche Schlager zu hören. Es gab zwar eine höchst tolerante und populäre Fernsehsendung - die "Disco" mit Ilja Richter - in der hintereinander, ohne mit der Wimper zu zucken, Heino und Deep Purple gespielt wurden. Zwischen 1960 und 1980 entwickelte sich aber aus der Tradition des französischen Chansons - mit Vertretern wie Jacques Brel - eine deutschsprachige Variante. Man fand den nicht sonderlichen eleganten Begriff "Liedermacher" passend für Künstler wie Reinhard Mey, Andre Heller, Stephan Sulke, Hermann van Veen, Udo Lindenberg oder Konstantin Wecker.

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Der Schlager geriet nach einem Höhepunkt Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre in eine veritable Krise.

99 Luftballons

Deutschlands Musikszene erwacht! Nach Boney M., die den Weltmarkt ordentlich aufmischen, erscheint eine ganz neue Generation auf der Bildfläche. Nena, Herbert Grönemeyer, Ideal, BAP, Westernhagen - um nur ein paar zu nennen - bewegen den Schwerpunkt der deutschen Szene eindeutig in den Rock- und Popbereich. Der traditionelle deutsche Schlager gerät in den Hintergrund, hat aber ein sehr treues Publikum, welches geduldig auf den nächsten Superstar wartet. Andrea Berg und #Helene Fischer leiten die Wiedergeburt des Schlagers ein, die nach wie vor andauert.

Chansons werden zu Schlagern und umgekehrt

Der große Udo Jürgens hat im Laufe seines Lebens Lieder komponiert, die zwar immer unter "Schlager" gelaufen sind, allerdings auch locker Chansonqualität mitbringen. "Ich glaube" und viele seiner Titel sind Klassiker geworden, die man nicht mit Rex Gildos "Fiesta Mexicana" gleichsetzen kann. Das soll keine Wertung sein, aber so kann man, wenn man unbedingt will, klassifizieren. Reinhard Meys "Über den Wolken" ist hingegen zum Schlager geworden. Die unvergessene Alexandra, die man immer als Schlagersängerin bezeichnete, kann man mit dem notwendigen Zeitabstand absolut dem Chansonfach zuordnen. In den letzten Jahren nahm man es aber, zum Glück, sehr locker. Nina Hagen singt Titel von Zarah Leander. Hildegard Knef rockt mit Extrabreit und Heino macht sowieso was er will. #Musik