"Wir haben in Erfahrung bringen können, dass zum 24.04.2015 oder 01.05.2015 Newtopia wohl vorzeitig beendet werden soll." Die Mitarbeiterin bestätigt auf Nachfrage: "Die Sache ist durch für Sat.1, es sei denn, es passiert noch ein Quotenwunder." Wirtschaftlich gesehen umsichtig. Denn die tatsächliche Einstellung des Formats hat weniger mit dem Glauben - denn der sei definitiv da - an dem Projekt zu tun, sondern schlichtweg mit den herben Verlusten und dem Quotendesaster. Dies bestätigt uns die feste Mitarbeiterin bei Talpa, der Produktionsfirma, die inzwischen an die ITV Studios verkauft wurde, ausdrücklich. So koste der Drehtag eine sechsstellige Summe.

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"Es ist schade für ein Teil der Belegschaft, denn das sind hochmotivierte Leute, die alles geben." 



Tatsächlich sind die Quoten bei "Newtopia" im Keller. 2,8 Millionen Zuschauer und ein Marktanteil von 17,0 Prozent in der Zielgruppe der 14 - bis 49-Jährigen waren am 23. Feburar, zum Start der Sendung, vor dem Fernseher. Jetzt spricht man bei einem Marktanteil von 9,3 Prozent in der letzten Woche schon von einem Bestwert. "Klar, dass hier die Reißleine gezogen wird", so der Informant. "Nur hätten wir uns noch etwas mehr Zeit erhofft." Über ein Jahr Vorbereitung steckte in dem Areal in Zeesen bei Königs Wusterhausen, nahe der Hauptstadt. 40 Millionen Euro betrugen allein nur die Vorbereitungskosten, der Aufbau des Hauses, die Technik. Insgesamt 107 Mitarbeiter sind für die Produktion der täglichen "Newtopia"-Sendung abbestellt.

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Nur wenn die Quoten anziehen, dauerhaft, könnte Sat.1 in letzter Minute einen Rückszieher machen. "Ich glaube, man will es bei Sat.1 selbst nicht. Aber wir arbeiten schon Jahrzehnte mit dem Sender professionell zusammen. Die sagen uns sowas nicht, um uns mal eben einen Schrecken einzujagen oder indirekt zu drohen."



Tatsächlich ist es schon eine wahre Utopie daran zu glauben, dass das Format "Newtopia" den Sat.1-Zuschauer noch knapp ein ganzes Jahr bei Laune gehalten hätte. Denn nach mehr als einem Monat zeigt die Show nichts anderes als altbackene Elemente aus dem typischen Reality-Trash. Leider, und das hat man Talpa durchaus vorzuwerfen, besteht die Produktion nur noch mehr oder weniger aus dem Bloßstellen von Menschen und Beschimpfungen untereinander. Sat.1 widerrum macht diese traurige Entwicklung seines Flagschiffs munter mit. Konflikte werden schon im Frühstücksfernsehen mit krawalligen Aufmachern angeteasert. Allein die letzte Folge an Karfreitag bestätigt das: Hier wurde um Hans' Bemerkung "Drecksvolk", welcher er zur Gruppe sagte, ein Hype gemacht.

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Hans, der Aggressive, der als Kind geschlagen wurde.

Für heute kündigt man an, dass Andreia wahrscheinlich Newtopia verlassen wird, weil ihr Freund zu Hause sehr eifersüchtig ist und mit dem Nacktshooting - ach ja, das gab es auch noch - nicht zufrieden war. Andreia möchte ihren Freund nicht verlieren. Das ist ein Drama. Und das ist dramaturgisch mal ganz blöd gelaufen. Am 17. März nämlich zog Andreia als rassige Single-Frau, in jedem Fall sehr offen für Zwischenmenschliches, ein. "Wir haben uns getrennt, man weiß ja nie wie lange das hier geht. Ich bin Single." Andreia war ab sofort der Vamp im Camp. Der Offsprecher stellte mehrmals Andreia als Objekt der Begierde für alle Männer dar. Wer so unglaubwürdig das Leben der neuen Welt mit alten Kamellen nach 20 Tagen wieder anders darstellen will, hält seine Zuschauer für vollends dämlich.



Auch der Umgang mit den Fans wird in den Netzwerken seit Wochen an Sat.1 kritisiert und fand zu Ostern seinen Höhepunkt. Erst werden auf Facebook kritische Kommentare gelöscht und die Seite von Newtopia gesperrt, dann wieder neu geöffnet - dem Protest und Shitstorm sei Dank. Auch was die Besuche und Nachrichten an die Pioniere - so werden die Teilnehmer im Camp genannt - betrifft, lief viel schief. Erstmal kann man gar nicht die Pioniere direkt anschreiben, wie immer in der Sendung dargestellt wird. Dies bestätigte auch unser Informant. Die Anmeldung zum Osterbasar, wo Zuschauer vor allem ihre Kinder mitbringen durften, sollte per E-Mail erfolgen. Es war aber nicht die Rede davon, dass die Zuschauer per Telefon ausselektiert werden. Sat.1 zeigte Gründonnerstag die heile Welt. Kinder feierten Ostern mit den Pionieren.

Die Wahrheit: Viele Zuschauer kamen von weit her zum Militärgelände in die August-Bebel-Str. 58 nach Zeesen, wo Newtopia gedreht wird. Eltern wurden mit Kindern vom Sicherheitspersonal des Geländes verwiesen. Es kam zu verbalen Tumulten mit wütenden Besuchern. Fair hätte man hier einfach mit einer Gruppenlösung handeln können, statt seine Zuschauer wegzuscheuchen. "Hier haben wir als Produktionsfirma nicht gut organisiert", bestätigt die Mitarbeiterin. Sowas aber ist ebenso wenig förderlich, wie die andauernden Probleme im kostenpflichtigen Livestream. Diesen verantwortet ProSiebenSat.1 in Unterföhring. Monatlich 3,99 EUR sollen Zuschauer zahlen, um stets 24 Stunden dabei zu sein. Das klappt seit sechs Wochen regelmäßig nicht. Die sozialen Netzwerke sind voll mit Kritik. "Ich habe 45 Minuten nur den Kuhstall gesehen", ist da noch eine nette Anmerkung.

Update: Wir hatten Talpa um eine Stellungnahme gebeten und wurden von der Produktionsfirma, am 8. April 2015, schriftlich an Sat.1 verwiesen. Auf die Nachfrage, ob Newtopia zum 01.05.2015 eingestellt wird, erhielten wir von der SAT 1 Pressesprecherin, Diana Schardt, folgende Antwort: "Zum derzeitigen Zeitpunkt gibt es keinerlei Überlegungen, "Newtopia" einzustellen." #Fernsehserien #Internet #Fernsehen