Das muss man erst mal schaffen: Seit über zwei Jahrzehnten ist der Berliner Radiosender 104.6 RTL in der Zielgruppe die Nummer eins. Das verdankt der Vorzeige-Radiosender der RTL-Gruppe vor allem ihrem Programmchef Arno Müller. Die Morgensendung "Arno und die Morgencrew" des Programmdirektors und gleichnamigen Moderators ist außerdem die meist kopierte Radiosendung in Deutschland. Bis heute. Und das aus gutem Grund: Die Sendung gilt in Sachen Comedy als Ideengeber, wird von Perfektionisten und langjährigen Stammpersonal gefertigt und einem seit zwei Jahrzehnten festen Moderatorenduo. Kürzlich wurde Arno für sein Lebenswerk "Moderation" ausgezeichnet, seine Sendung bekam den Deutschen Radiopreis.

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Mal wieder. Und der Sender und seine Macher heimsen bis heute immer wieder Preise ein. Wie macht das der Müller nur? Unser Reporter, Marcel Adler, hörte die Morgencrew bereits als Teenager, bevor er um acht Uhr zur Schule ging. Zeit für ihn, 23 Jahre später, sich zu einem Besuch beim Radiokönig von Deutschland und seinem Jugendidol anzumelden, um ihn mit Fragen zu löchern.



Arno, seit über 23 Jahren moderieren Sie "Arno und die Morgencrew". Ich bin mit Ihnen noch als Schüler groß geworden. Heute habe ich selbst Kinder und höre Sie immer noch. Was haben Sie besser gemacht, als alle anderen Radiosender?



Die Stichwörter sind nach meinem Dafürhalten Beständigkeit und Treue: Die Strategie, nach der wir uns richten, haben wir bereits vor dem Start des Senders mit unseren Meinungsforschern entwickelt und sind diesem System bis heute treu geblieben.

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In vielen Bereichen, vor allem aber in der strategischen Meinungsforschung, arbeiten wir mit den gleichen Partnern wie zum Sendestart zusammen. Auch wenn die Firmennamen sich im Laufe der Jahre geändert haben, die handelnden Personen waren schon 1991 dabei. Und ich bin meinen Mitarbeitern sehr treu und sie mir. Die meisten arbeiten seit Sendestart für 104.6RTL und haben im Laufe der Jahre leitende Positionen eingenommen. Betriebszugehörigkeiten von 10 Jahren sind bei uns keine Besonderheit, viele sind über 20 Jahre dabei und kommen nach kurzen Ausflügen zu uns zurück. Wir müssen also nicht immer wieder von vorne beginnen. Strategien, Arbeitsweisen, Knowhow gehen nicht verloren, sondern bleiben im Sender und werden an die nächste Generation weitergegeben.





Bei Verrückten Telefonen wird der Hörer zum akustischen Spanner





Ihre Sendung ist sogar die meist kopierte in Deutschland. Macht Sie das wütend, weil man einfach nur Ideen klaut oder schmeichelt Ihnen das?




Auf der einen Seite macht mich das stolz, aber es ärgert mich auch.

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Leider gibt es im Radio kein belastbares Copyright, das die Erfinder von Ideen vor geistigem Diebstahl schützt. Wir haben aber auch viel von anderen Sendern in der ganzen Welt gelernt und Ideen für 104.6 RTL adaptiert. Unangenehm wird es nur, wenn im gleichen Markt einfach kopiert wird. Das nutzt keinem und Ideen werden kaputt gemacht. Wenn wir "Gehälter verdoppeln" (ein Spiel über den Tag verteilt, wo Hörer Geld gewinnen können, Anm. d. Autors) und ein anderer Sender die gleiche Aktion macht und "Gehälter verdreifacht" finde ich das dreist. Oder wenn wir "Stars for Free" erfinden und plötzlich ein weiterer Sender mit der gleichen Idee in den Markt geht, ist das ärgerlich (Stars for Free ist ein seit vielen Jahren statt findendes kostenloses Musikkonzert in der Berliner Wuhlheide, einem Park im Ostteil der Stadt, wo für Hörer nationale und internationale Stars singen; Tickets gibt es im Programm oder bei den Sponsoren zu gewinnen, Anm. d. Autors). Ich könnte diese Bespiele seitenlang fortführen. Gott sei Dank merken die Hörer das ja und belohnen dann am Ende doch das Original. Es ist mir in all den Jahren nur ein einziges Mal passiert, dass mich ein Programmdirektor eines anderen Senders anrief und fragte, ob er eine Idee von uns, die er gut fand, kopieren dürfe und sich dafür bedankt hat. Er arbeitete für einen ARD-Sender.



Jetzt mal eine Frage, die mich persönlich interessiert. Verrückte Telefone macht so gut wie jeder Privatsender morgens. Warum klappt das nach Jahrzehnten heute immer noch? Ich würde Sie erkennen.



Die ersten regelmäßigen Verrückten Telefon Deutschlands und die daraus abgeleiteten Formate wie von 0 auf 100, Warteschleife, Treuetest und so weiter wurden von uns entwickelt und umgesetzt. Die Idee kam ursprünglich von Peter Frankenfeld, der ein ähnliches Comedy-Format für wenige Ausgaben in seiner TV-Show "#Musik ist Trumpf" hatte. Das war in den 60ern. Danach gab es eine ähnliche Serie in den USA bei Rik Dees das "Candid Phone". Das waren die Vorlagen. Alle, die danach in Deutschland kamen, haben es von uns. Bei diesen Beiträgen schlüpft der Hörer in eine neutrale Beobachterposition. Er wird zum akustischen Spanner, indem er ein Gespräch oder eine Situation zwischen zwei Menschen risikolos abhören kann und das Mithören von Gesprächen hat bis heute nichts an Attraktivität eingebüßt.





Morgensendung sollen informativ sein, dann erst lustig





Morgensendung sollen vor allem lustig sein. Doch die Zeiten haben sich geändert, Menschen stehen häufiger mit Ängsten auf. Wie beginnen Sie eine Sendung, wenn Ihre Nachrichtenredaktion schon wieder einen Terroranschlag oder den schrecklichen Flugzeugabsturz vom 24. März vermelden muss oder wenn in Berlin ein Unternehmen Leute entlässt? Wie fangen Sie und Ihre Co-Moderatorin Katja die Hörer auf?



Morgensendung sollen in erster Linie informativ sein. Information ist das Grundbedürfnis am Morgen. Lustig ist eine Zugabe, die eine ernste von einer unterhaltenden Sendung unterscheidet. Jedes Auto braucht vier Räder, einen Antrieb, ein Lenkrad, Bremsen und so weiter. Das sind übertragen beim Radiomodell die Nachrichten, das Wetter, der Verkehr. Trotzdem gibt es vom Kleinwagen bis zum SUV viele unterschiedliche Fahrzeugklassen, die alle erfolgreich sind. Das ist bei Morgensendungen nicht anders. "Lustig" ist nur der Charakter der Show. Ein Ferrari kann auch langsam fahren, ein SUV auch auf der Autobahn. Wenn die aktuelle Nachrichtenlage und die Stimmung der Menschen sich ändert, ist "Schluss mit Lustig" - dann fahren wir mit unserem Ferrari mit 30 km/h durch die Spielstraße.



Man hat das Gefühl, dass jeder Radiosender die größten Hits spielt. Vieles hört sich gleich an. Die Quoten schwanken, laut MA, enorm. Wer im März noch dazu gewann, stürzt im Oktober wieder ab (März und Oktober werden die Einschaltquoten für Radiosender ermittelt und veröffentlicht, Anm. d. Autors). Ihr Sender bleibt seit Jahren konstant auf der Überholspur und behauptet die Marktführerschaft. Jetzt mal der Programmdirekter Arno: An der Musik allein liegt es doch nicht?



Es liegt an all dem, was ich gerade erzählt habe. Ein Radiosender hat eine lebendige Persönlichkeit, die die Hörer mögen und lieben müssen. Die Musik ist nur ein wesentlicher Faktor dabei - das Aussehen sozusagen. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum Menschen einen anderen Menschen lieben. Es kommt auch auf den Charakter an und alle anderen Eigenschaften, die eine Persönlichkeit ausmachen.





Internetradio statt klassischen UKW-Radio - Arno sieht es gelassen





Der Medienkonsum verändert sich. Statt lineares Fernsehen, streamen die Leute ihre Filme. Das Internetradio bietet enorme Vielfalt, Musikdienste wie Spotify sind auf dem Vormarsch. Wird es das Radio wie heute noch in 10 Jahren geben?




Diese Frage wurde mir schon vor zehn Jahren gestellt, gekoppelt mit der These, dass klassisches UKW-Radio doch sterben würde. In diesen vergangenen zehn Jahren haben wir unsere Quoten und Hörerzahlen fast verdoppelt. Wenn so Sterben aussieht, dann schaue ich gelassen auf die nächsten zehn Jahre. Ich denke, dass es das Gesamtpaket ist, das die Menschen nach wie vor lieben. Nicht jeder möchte sozusagen sein eigener Programmdirektor sein und sich alles alleine zusammenstellen - das ist auf Dauer sehr anstrengend.



So wie ich, sind viele Berliner mit Ihnen groß geworden. Sie sind der Held unserer Jugend. Bleiben Sie weitere 20 Jahre oder reizen Sie auch andere Aufgaben?



Die Sendung ist ja nur ein Teil meiner Arbeit. Ich bin Programmdirektor von 104.6 RTL und damit für das gesamte Programm und alle Programm-Mitarbeiter und Aktionen verantwortlich. Das Radiocenter Berlin wächst ständig und in diesem Rahmen kümmere ich mich natürlich auch um andere Senderprojekte. Eine Hauptaufgabe von mir ist es auch, nicht nur im Hörermarkt erfolgreich zu sein, sondern auch im Werbemarkt. Kundenprobleme mit Radiowerbung zu lösen ist immer wieder spannend und unsere wirtschaftliche Existenzgrundlage. Mit anderen Worten, ich habe genug zu tun. Ich fühle mich in meinem Sender und im RTL-Konzern sehr wohl. Es gibt für mich keinen Grund, das zu ändern. Ansonsten beschäftige ich mich mit jeder neuen Herausforderung dann, wenn sie auf mich zukommt.





Sie haben einen festen Stamm von Moderatoren, über viele Jahre hinweg. Welche Gewichtigkeit haben vertraute und neue Stimmen für den Erfolg eines Radiosenders?



Musik spielen, Nachrichten verlesen, wertvolle Preise verschenken kann theoretisch jeder. Den Unterschied machen immer die Menschen. Beim Radio sind die Präsentatoren und Moderatoren das Gesicht und die Stimme des Senders. Entertainment funktioniert nicht ohne bekannte und beliebte Stars.





Comedy im Radio kann man nicht studieren





Wie wichtig ist der Nachwuchs allgemein im Radio und was sagen Sie jemanden, der Radiomoderator werden will. Ehrlich jetzt.



Wir brauchen dringend junge, talentierte Menschen die in den verschiedenen Bereichen im Radio arbeiten wollen. Das Problem ist, dass man vieles nicht klassisch lernen kann. Journalismus kann man studieren, aber gute Comedy-Autoren und Moderatorenpersönlichkeiten müssen sich entwickeln. Das sind keine klassischen Lernberufe. Man braucht Talent dafür. Alle, die Talent haben, sollen das Radio als Karrieremöglichkeit im Kopf haben. Bewerbt Euch.



Sie haben schon zwei Mal den Radiopreis abgefasst. Die Morgencrew scheint unerschütterlich. Verraten Sie uns noch, was 2015 bei Ihnen der Morgen bringen wird?



Genau genommen sind es ja schon vier. Der erste "Radiopreis" war der "German Radio Award", den bekamen wir für die "Beste Morgensendung", dann kam der Radiopreis für mein Lebenswerk, dann hat Morgencrew-Mitglied Olaf Heyden den Radiopreis für die beste Radio-Comedy gewonnen und im vergangenen Jahr bekamen wir den Radiopreis für die beste Morgensendung. Wir werden weiter die Dinge tun, die die Hörer bei uns lieben. Wie sagte Apple-Chef Tim Cook so schön: "Nicht neu ist wichtig - Richtig ist wichtig.". Lassen Sie sich einfach überraschen.



Arno und die Morgencrew läuft beim Sender 104.6 RTL von montags bis freitags von 5 bis 10 Uhr und ist auch über das Internet weltweit zu empfangen.