Es war „nur“ ein Amoklauf! Nachdem die Münchner Polizei diese Information nach dem Amoklauf eines jungen Deutsch-Iraners im Münchner OEZ-Einkaufszentrum veröffentlichte, stellte sich fast schon ein Gefühl der Erleichterung ein. Nach stundenlangen Falschmeldungen über weitere Anschlagsorte, hatte jeder Münchner die Bilder von Paris, Nizza, Brüssel und Istanbul im Kopf. Ist der islamistische Terror jetzt auch endgültig in Deutschland angekommen? Wenn man seine Informationen lediglich aus den sozialen Medien bezog, hatte man das Gefühl, als ob mehrere Täter an unzähligen Orten in München einen wahren Massenmord veranstaltet haben. Stachus, Odeonsplatz, Tollwood, Isartor: All das sind große Plätze in München, die Schauplatz von verheerenden Anschlägen gewesen sein sollen.

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Fluch...

Auf Facebook wurden beispielsweise Videos veröffentlicht, die eine angebliche Schießerei in der Nähe des Stachus zeigen sollen. Andere Bilder zeigten mehrere Tote und Verletzte. Wie sich später herausstellte, ein altes Bild aus Südafrika. Für viele Münchner stand fest: „Wir werden vom IS angegriffen“. Als Reaktion auf diesen Gedanken und aus purer Angst, rannten die Menschen weinend und schreiend über den Marienplatz und auch im berühmten Hofbräuhaus brach Panik aus. Bereits am Abend erklärte der Pressesprecher Marcus da Gloria Martins bei einem der ersten Polizei-Statements, dass er vor allem die Angst und die damit entstehende Panik für die Falschmeldungen im Internet verantwortlich mache.

... oder Segen?

Während alle um kurz nach 18 Uhr vor den Fernsehern kauerten, um zu erfahren, was es mit den Schüssen auf sich hat, waren noch keine offiziellen Kamerabilder vorhanden.

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Fast alle Sender bedienten sich bei einem User, der, an der Absperrung zum Olympia-Einkaufszentrum stehend, über Twitter ein Live-Video startete und die ganze Nation mit zusätzlichen Informationen versorgte. Auch die Videos, die für die spätere Aufarbeitung des Falles und für die momentane Berichterstattung dringend erforderlich waren, wurden rasend schnell über die sozialen Medien verbreitet. Auf einem Video ist der Täter zu sehen, der aus einer Fastfood Filiale wahllos um sich schoss, während er später auf dem Parkdeck von einem bayerischen Bewohner wüst beschimpft wird. Dieses Video war für die Erörterung der Motive dieser Tat entscheidend. So sprach der Täter beispielsweise davon, dass er „in Giesing in Behandlung“ war. Durch diese Bilder konnte später herausgefunden werden, dass es sich um einen und nicht, wie erst befürchtet, um bis zu drei Täter handelte.

Als dies aber noch nicht sicher und auch der Standort der potentiellen Täter noch unbekannt war, stellte die Stadt München den gesamten Nah- und Taxiverkehr ein und viele Menschen kamen nicht mehr nach Hause.

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Unter dem Hashtag „#Offene Tür“ boten unzählige Münchner auf Facebook und Twitter Übernachtungsmöglichkeiten an und auch alle Münchner Moscheen als Zufluchtsort die ganze Nacht geöffnet bleiben. Für diejenigen, die keinen Platz ergattern konnten, bildeten sich in der Nacht mehrere Gruppen, die zusammen Fahrgemeinschaften ermöglichten. Die Münchner wollten mit dieser Aktion ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft und gegen Hass und Gewalt. Die Unklarheit, die in der gesamten Nacht herrschte, war eines der größten Probleme. Deshalb richtete die Münchner Polizei ein Info-Telefon ein und hielt die Bevölkerung stets über alle Kanäle auf dem neuesten Stand. In einer Nacht, in der die Gewalt und der Terror unmittelbar an der eigenen Haustüre klopft, ist das Internet #Fluch und #Segen zugleich. Fluch, durch viele Falschmeldungen und dadurch falsch entstehende Feindbilder und Segen, durch die unfassbare Hilfsbereitschaft der Münchner. 

 

 

 

  #Terror