Meine Begegnung mit Klaus Kinski, oder die kürzeste Pressekonferenz meines Lebens.

Vorgeschichte: Mitte der Achtziger, Klaus Kinski (1926-1991) hat schon längst „die Schnauze voll“ wie er sagte, vom scheinheiligen Kulturbetrieb. Mit „Paganini“ sieht das Urvieh und Charaktermonster des deutschen Films die seltene Möglichkeit, sein eigenes Filmprojekt zu realisieren. Eben seine eigensinnige Vorstellung über den berühmten Geiger, dem er sich, warum auch immer, verbunden fühlt. Auf dieses Werk hatte er seit den frühen sechziger Jahren hingearbeitet, schon „Jesus Christus, Erlöser“ begann mit der Musik von Paganini. Regie und Hauptrolle will er selbst übernehmen.

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Die beiden italienischen Produzenten Augusto Caminito und Alberto Alfieri, nehmen sich des Projektes an. Kinski, wieder einmal wahnhaft besessen von dem Geigen-Virtuosen, gebärdet sich wie eine angestochene Kuh. Das kennt man „Aguirre- Zorn Gottes“ oder „Fitzcarraldo“. So gebärdet er sich wie die Axt im walde auch an diesem Set, daß Caminito die Regie völlig abgenervt und angekotzt an Cozzi weitergibt.

Endlich darf Kinski seinen „Paganini“ zu Ende bringen: Am 17.12.1989 wird er in Paris uraufgeführt. Aber die Produzenten liegen sich mit dem Vorzeige-Streithahn derart in den Haaren, dass dieses „große Kunstwerk über einen der bedeutendsten Künstler“ (O-Ton Kinski) aus dem Vertrieb genommen wird. Kinski tobt, muss um eine Kopie des Paganini regelrecht zu Kreuze kriechen, das Filmporträt verschwindet im Film-Nirvana.

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Das unverstandene Darsteller-Genie ist verbitterter und zorniger als jemals zuvor. Nachspiel: Die Filmfestspiele von Venedig lehnen ebenfalls ab.In die deutschen Kinos kommt „Paganini“ erst 1999. Das Küntler-Porträt jedoch floppt drastisch. Und dies acht Jahre nach dem Tod des Terror-Tragöden.

Kinski, wie er leibt und lebt...

Ort und Zeit: Die 43. Internationalen Filmfestspiele von Cannes vom 10.05 bis 21.05 1990: Heute, am 15. Mai soll die Pressekonferenz mit Klaus Kinski um 11.00 Uhr im luxuriösen Carlton stattfinden. Kein offizieller Termin, sondern eher zufällig erfahre ich dies unter der Hand von einem Pariser „Radio France“-Kollegen. Sichtbare Unruhe und stille Nervosität macht sich schon eine Stunde vor Beginn im blankpolierten Marmor-Saal des Nobel-Hotels breit. Wer Kinski life haben will, muß früh erscheinen. Die Atmosphäre knistert. Journalisten aus aller Welt tuscheln miteinander, die wenigen zugelassenen Kameramänner proben zum x-ten Mal den Weißabgleich und der kleine Haufen von nervösen Fotografen überprüft bis zum Erbrechen die Nikons und Minoltas.

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Der Moderator beschwichtigt immer wieder die ungeduldig wartenden Fans und Feinde des umstrittenen Bon Vivants. Plötzlich ist es soweit: Wie es sich für einen (Anti)-Star gehört, schießt Kinski mit 30minütiger Verspätung in den noblen Raum. Weißer schmuddeliger Overall, dunkelrote, schulterlange Paganini-Mähne, im Schlepptau seine gerade einmal 17jährige, schwangere „Frau“ Deborah Caprioglio, ein zierliches, eingeschüchtertes und hübsches Mädchen mit braunen Knopfaugen. Kinski grinst unverschämt in die Menge, präsentiert stolz seine „Neue“: „Das ist meine Frau, ist die nicht schön?“, fragt er rhetorisch die Menge und setzt sich. Dann die erste Frage: „Was bedeutet Paganini für sie? Kinski: „Er war der größte Musiker und Virtuose seiner Zeit, ein begnadeter Künstler, den ich sehr respektiere und verehre.“ Zweite Frage: „Glauben Sie, dass „Paganini“ Erfolg haben wird?“ Kinski: „Na klar, alle meine Filme sind erfolgreich, auch wenn die wenigsten verstehen, was ich mit ihnen ausdrücken will!“. Dritte (und letzte) Frage: „Wie haben Sie Ihre hübsche Begleiterin kennengelernt, sie nicht ein wenig zu jung? Kinski steht auf, schreit, „Was soll denn diese blöde Frage, Sind Sie vom „Golden Blatt oder einer anderen Klatsch-Omi-Zeitschrift? Ich will hier über Paganini reden, nicht über mein Privatleben, Sie dumme Kuh!“

Der Tobende greift zum Wasserglas, schmettert es über das Auditorium hinweg gegen eine Säule, dreht sich um, schnappt seine Frau an der Hand, um fluchtartig den Raum zu verlassen. eine Meute von Fotografen hechelt hinter ihm her. Draußen dann scheint er sich zu beruhigen, schreitet dann über die Treppen des Carlton, um sich bereitwillig von allen auch draußen gebliebenen Paparazzos Arm in Arm mit der Angetrauten ablichten zu lassen. Die Schreiber indes bleiben ungläubig im Saal sitzen, glotzen staunend auf die verlassenen Plätze. Was sollte das? Wieder ein PR-Gag, oder die authentische Lebensart des meistgehassten und vielgeliebten Interpreten Deutschlands? Wir wissen es bis heute nicht…

Jean Lüdeke #Kino