Manche #Anime so sind einmalig, dass der Zahn der Zeit sie nicht einzuholen vermag. So erblicken sie wieder und wieder das Licht der Welt, mit jeder Modernisierung in Sachen Speichermedium. Einen solchen Titel finden wir dem Anschein nach in "#Serial Experiments Lain". Das psychologische Sci-Fi-Drama erscheint am 29. September 2017 das erste Mal auf Blu-ray in Deutschland und obwohl der Anime bereits 1998 er ausgestrahlt wurde, ist der Hype und Mythos rund um dieses Werk noch lange nicht verflogen.

Mit der Veröffentlichung der neuen Box von Nipponart bietet es sich an, diesen Klassiker noch einmal Revue passieren zu lassen und ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die er als Vorreiter in diesem Genre durchaus verdient haben sollte.

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Seid jedoch bereits im Vorfeld gewarnt, denn "Serial Experiments Lain" ist für Neueinsteiger in Sachen Anime äußerst schwer verdaulich.

Gleichsam wird jede Art von Zuschauer abgestoßen, welche nicht bereit oder in der Lage ist, sich ihren Teil zu denken, ohne, dass das Werk selbst jedes Stückchen vorkauen muss. Die 13-teilige Serie von Yoshitoshi ABe macht es dem geneigten Käufer definitiv nicht leicht.

Eine Kritik

Die Handlung dieser Experimentalserie dreht sich um das scheue, 13-jährige Mädchen Lain Iwakura, welche im Anschluss an den Selbstmord ihrer Klassenkameradin eine E-Mail von eben dieser Toten erhält. Diese beteuert darin jedoch, dass sie gar nicht gestorben sei und lediglich ihren menschlichen Körper abstreifen konnte. Nun befände sie sich in der Wired (ein Computer-Netzwerk, welches den Prinzipien des Internet ähnelt) und habe dort Gott gefunden.

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Ab hier ergibt es einfach keinen Sinn mehr, euch weitere Details der Handlung zu verraten. Zum einen, würden sie euch ohne den nötigen Zusammenhang kaum wie ein Kaufgrund erscheinen, zum anderen unterstreicht das Fehlen von anderen Handlungsfetzen ziemlich gut, wie wenig in dieser Serie wirklich als Fakt abgestempelt werden kann. Dafür ist der Aufbau, die Ausgangsposition an sich, bereits zu abstrakt.

"Serial Experiments Lain" lässt absichtlich eine Menge offen und bittet den Zuschauer, sich eigene Gedanken zu machen. Gerade in den ersten beiden Episoden kann dieses Vorgehen abschreckend wirken ... aber auch anziehend. Je nach eigener Veranlagung. Diese Serie spannt Handlungsbögen, verknüpft diese und lässt gleichzeitig andere Enden wieder auseinanderfallen und ins Bodenlose versinken. Selten bekommt ihr eine Erklärung.

Ob dies von Vor- oder Nachteil sein soll, muss jedem selbst überlassen werden. Schwierig wird es nur dann, wenn ihr über Psychologie, das Unterbewusstsein und den typischen, philosophischen Fragen des Lebens nie einen Gedanken verschwendet habt.

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Denn darauf baut diese Anime-Serie auf und ihr Vorgehen ist dabei gnaden- und rücksichtslos. Nichtsdestoweniger auch komplex, bedingungslos anspruchsvoll.

Trotzdem will ich an dieser Stelle nicht behaupten, dass "Lain" so clever ist, wie er von vielen dargestellt wird. Der Anime überschätzt sich oftmals - es gibt mehr als eine handvoll Szenen, die sich einfach nur mit dem Deckmantel des Experimentellen schützen, während der wilde Zickzack-Kurs aus Gedanken sich verfranzt. Klar, wer selber denkt und dies auch angestrengt genug zu tun versteht, kann vielleicht auf alles eine Antwort finden. Wirklich sinnig ist es deswegen trotzdem nicht.

Das richtige Publikum

Doch am Mangel an Details, welche ich hier präsentiere, könnt ihr wahrscheinlich schon ablesen, wie schwer es ist, in Sachen "Lain" ein richtiges, bodenständiges Statement abzugeben. Dies ist eine dieser Serien, die ihr entweder mögt ... oder euch fragt, wer wen aus der Klapse heraus gelassen hat und wieso diese Person auch noch einen Anime ins Fernsehen bringen durfte.

Für seine Zeit war diese Produktion auf jeden Fall eine Perle. Clever ist sie definitiv. Aber nichtsdestoweniger auch anstrengend. Die größte Stärke dieses Werks ist auch seine größte Schwäche. Der avantgardische Erzählstil lässt den Plot verwirrend verlaufen, unterbricht absichtlich immer wieder Handlungsstränge und führt von diesen nur wenige zu Ende.

Die verschwimmende Grenze zwischen Existenz/Realität und dem virtuellen Netzwerk, ist ein Rätsel zum selber lösen. Für einen breiten Kreis von regulären Konsumenten ist der Aufbau jedoch höchstwahrscheinlich zu bizarr. Ohne das nötige Interesse oder sogar Wissen in Sachen Soziologiestudien verliert sich die Aufmerksamkeit viel zu schnell; der Mangel an Hinweisen, die sich wirklich greifen, einordnen lassen, ist dafür zu gering. Und leider auch zu schwammig, wenn sich denn doch einmal etwas zum Festhalten finden lässt.

Der Reiz von "Serial Experiments Lain" liegt für viele darin, die grauen Zellen zu benutzen, zu philosophieren und die eigene Denkweise herauszufordern. Wer stattdessen 'normale' Unterhaltung fordert, kann genauso gut versuchen, Weltgeschichte anhand eines Globus zu studieren.

Der Zeichenstil macht dieses ganze Paket nicht unbedingt attraktiver. Zwar untermalt das Dargestellte wunderbar das Grundprinzip des Anime, schreckt er jedoch genauso ab, wie es der Plot bei manch einem schafft. Was dem einen eine düstere, verwischte Mischung aus Schein und Sein, ist dem anderen zu minimalistisch, zu anstrengend für das Auge. Dies wird einigermaßen dadurch ausgeglichen, dass viele Szenen auch visuell reine Interpretationssache sind. Ach, was sage ich da? Eigentlich ist jedes Bild, jeder Ton und jeder Satz rein von eurer Denkweise abhängig.

Dies als Ausrede für jedes scheußliche Standbild und für jede lieblos bis gar nicht animierte Szene zu verwenden, halte ich jedoch für maßlos übertrieben. Wieder liegt es im Auge des Einzelnen, hier eine Entscheidung zu treffen; wieder ist es reine Geschmackssache. Doch empfehlenswert macht es diesen Stil deswegen noch lange nicht. Ganz im Gegenteil zu einigen Kameraeinstellungen und äußerst ungewöhnlichen Szenen, die "Lain" hervorstechen lassen.

Was ihr am Ende also bekommt, ist schwer zu empfehlen; dafür viel zu sehr von der Denkweise der einzelnen Person abhängig. "Serial Experiments Lain" ist auf jeden Fall ein gut durchdachtes, clevereres Science-Fiction-Drama, gleichsam schwer verdaulich, geradezu ungenießbar für den durchschnittlichen Verbraucher. Wer die psychologischen Tiefengrabungen in "Neon Genesis Evangelion" oder auch Anime wie "Perfect Blue" mag, dürfte jedoch nicht enttäuscht werden. #Science Fiction