Von der „Türkenbraut“ und Mutter zur einsamen Kriegerin

Hamburg: Besprayte Wände, eine tätowierte Diane Kruger, an ihrer Hand ein kleiner Junge. Brille. Geige in der Hand. Sie bringt ihren Sohn zum Vater, in sein Übersetzungs- und Steuerbüro im „Türkenviertel“, um sich mit ihrer Freundin einen Wellnessnachmittag zu machen. Im Hamam zeigt sie dieser ihr neuestes Tattoo: Ein Samuraikrieger. Ihr letztes Tattoo, sagt sie. Ein paar Stunden später ist alles anders. Eine Explosion vor dem Geschäft. Zwei Tote. Ihr Mann und ihr Sohn. Aus dem Nichts. Und sie eine einsame Kriegerin.

Ist Recht gerecht?

Fatih Akins Wettbewerbsfilm (Cannes) „Aus dem Nichts“ beginnt wie sein Titel und gliedert sich in drei Teile: „1 Die Familie“, „2 Gerechtigkeit“, „3 Das Meer“.

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Angelehnt an die NSU-Morde erzählt er die Geschichte einer Frau, die alles verliert und in den ersten Stunden nach dem Tod ihrer Familie gefragt wird: „War ihr Mann religiös? Er war doch Kurde? War er politisch aktiv?“ und ob er noch mit Drogen gehandelt habe. Sie sitzt auf dem Polizeipräsidium und lässt eine Hausdurchsuchung über sich ergehen, während sie sagt: „Mein Mann war das Opfer“ und schließlich „Das waren Nazis.“ Sie bleibt alleine und als sie nicht tiefer fallen kann, senkt sich die Kamera in die Badewanne und zeigt ihre aufgeschnittenen Pulsadern. Rot. Doch dann der Anruf: Die Täter sind gefunden. Nazis. Der zweite Teil des Films spielt sich im Gericht ab und zeigt die Verhandlungen, bei denen die Täter am Ende freigesprochen werden. Akin hat diesen Teil „Gerechtigkeit“ genannt - und wie bei Ferdinand von Schirach wird einem bewusst, dass das Recht etwas anderes ist.

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Ist Authentizität dramatisch?

Wie Recht und Gerechtigkeit miteinander verbunden sind und trotzdem andere Gefühle auslösen, so balanciert auch der Film zwischen seinen Erzählweisen. Auf der einen Seite eine schroffe Authentizität, die die Vorgehensweise der Polizei abbildet, eine glückliche Familie, bei der die Eltern im Hamburger Knast geheiratet haben (sensationelle Szene!) und einen Verteidiger, der seine Nazimandanten zum Freispruch boxt. Und auf der anderen die dramatischen Bilder offener Pulsadern in Zeitlupe und Verfolgungsjagden nach der Urteilsverkündung, sowie der Zerfall der hinterbliebenen Familie. Diese Dramatik hätte „Aus dem Nichts“ nicht gebraucht. Stark sind genau die Szenen größter Authentizität und kleinster Gesten. Der Blick Krugers, als sie Babygeschrei hört übertrifft ihren Weinkrampf im Bett ihres toten Sohnes um Längen. Erschreckend ist gerade der Realitätsbezug, der Gedanke „Was, wenn mir…“, die Erkenntnis, dass das alles in einem Rechtsstaat passieren kann, der auch an seine Grenzen stößt.

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Denn Authentizität, sowie seine großartigen Bilder sind eine Stärke Fatih Akins.

Von der Familie und Gerechtigkeit zum Meer

Typisch für Akin ist auch das Meer, auf das seine Protagonistin im letzten Teil schaut. In Griechenland und auf Rachezug. Der Samurai Krieger ist mittlerweile blutrot. Der Film bekommt gegen Ende eine immer stärkere Eigendynamik, ist keine Nacherzählung der NSU-Morde und Prozesse, sondern eine subjektive Geschichte, die allerdings auch Fragen aufwirft. Worum geht es in dem Film schlussendlich? Familie? Gerechtigkeit? Oder… das Meer? Schwierig ist, dass in diesem Film vieles aus dem Nichts kommt und es schwer ist, den emotionalen Wandlungen zu folgen, wobei man Gefahr läuft, sich zu sehr von dem Film zu distanzieren. Denn die Wut, die der Film in sich trägt, erreicht einen weniger durch große und mehr durch kleine Wellen. Denn in denen sieht man die Menschen besser ertrinken. #DianeKruger #FatihAkin