Ob ein Andreas Kümmert oder eine Ann-Sophie Deutschland beim ESC vertritt, ist den meisten Deutschen wohl eher egal. Der europäische Wettbewerb hat über die Jahre immer deutlicher an Relevanz verloren. Als Bühne für den europäischen Vergleich und Austausch gegründet, ist der ESC mittlerweile größtenteils ein großes "Punkte-Geschacher" und befindet sich musikalisch im bedeutungslosen Niemandsland. Seit dem Sieg von Conchita Wurst im vergangenen Jahr ist allerdings eine neue Komponente hinzugekommen. Viele Menschen sehen den Wettbewerb, also kann auch eine dort platzierte Message viele Menschen erreichen. Nach dem Gewinn des Travestie-Künstlers entbrannte kurzzeitig eine Debatte in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern. In welche Richtung sie ging oder welche Auswirkungen sie hatte, lässt sich noch schwer beurteilen. Doch Fakt ist, dass jede öffentliche Debatte über/mit einer diskriminierten gesellschaftlichen Gruppe Fortschritt bedeutet.

Im Gegensatz zu den bedeutungsarmen Vorgängen in Deutschland, bahnt sich etwas wirklich Geniales aus dem Norden Europas an. "Der Fußpfleger, der Fußpfleger, der Fußpfleger, F***". "Ich werde immer gemobbt, gestört und geärgert - Warum müssen Menschen immer solch dumme Dinge tun"? Wunderbar! Finnland schickt die Band Pertti Kurikan Nimipäivät ins Rennen. "In die Fresse Punk" der besten Sorte. Die Band, die im Film "Punk-Syndrome" portraitiert wurde und so zu mittlerer Bekanntheit in Finnland und einigen Teilen Europas gelangte, entspricht geradezu klischeehaft dem vorherrschendem Bild einer Punkrock-Band, mit dem kleinen Zusatz das alle Mitglieder der Band mit dem Down-Syndrom geboren wurden. Diskussionen über schlechte Schwingungen und Vibrations im Proberaum, Szenen der innigen brüderlichen Liebe und zickigen musikalischen Debatten und ausschweifende exzessive Lebensweise. Die 4 Männer aus dem Norden verbinden den rustikalen Klang des Finnischen/Suomi mit den alltäglichen Dingen, die sie beschäftigen und lassen den Kopf auch von Nicht-Metal-Liebhabern mit-"bangen". Frontmann Kari schreit seinen Hass auf die Menschen, die sich um seine Fußnägel kümmern und die Einrichtung in der er wohnt laut und frei heraus. Einigen Bands wird im Rock-Business vorgeworfen profillos oder zu lieb zu sein, die 4 Metaller bringen allerdings ein Charisma auf die Bühne, welches ihres Gleichen sucht.

In Deutschland gibt es keine derartige, nicht dem "Normal-Bild" entsprechende, Band, die es zu hoher Bekanntheit geschafft hat. Der Auftritt von Pertti Kurikan Nimipäivät im Semi-Finale am 19.Mai und hoffentlich folgendem Auftritt im Finale am 23.Mai lässt darauf hoffen, dass die verebbte Debatte über Inklusion, die vor wenigen Jahren in Talkshows und auf Plakaten in jeder Stadt noch sehr präsent war wieder aufflammt.

Natürlich melden sich auch schon Kritiker zu Wort, die Finnland einfach billige Buhlerei um Stimmen unterstellen, mit einer Band die irgendwie besonders ist. Doch bei einem ehrlichen Blick auf die Relevanz des ESC muss man anerkennen, dass der Wettbewerb über Jahre, nicht mehr als Abendunterhaltung war. Es ist nur zu hoffen, dass der ESC weiterhin auf der Schiene bleibt, die ihm eine minimale Daseinsberechtigung verleiht. Die Rocker aus Finnland können Bedeutsames schaffen. Ein Format, das so viele Menschen vereint und erreicht, muss doch mehr sein als Eskapismus alá Dschungelcamp.

Foto: Animagus - Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons #Musik