Verschwörungstheorien sind bestenfalls alberne Fantasiegeschichten und schlimmstenfalls propagandistische Saaten von Hass und Zerstörung. Weniger gebildete und sozial zu kurz gekommene Zeitgenossen haben hier ein besonders hohes Anfälligkeitspotential. Noch verfügen die aufgeklärten westlichen Gesellschaften, wie die unsrige über ein Auffangnetz, das einen völligen Absturz in den infantilen Irrationalismus verhindert: neben den frei zugänglichen Bildungsinstitutionen, die unsere Kinder zu wissenschaftlichem und eigenständigem Denken heranziehen und einer freien, unabhängigen Presse besteht es vor allem in einer breiten Schicht an gebildeten Humanisten, die Vernunft und den Intellekt gegen unwissenschaftliche Ängste und Ressentiments zu verteidigen.

Doch dieses vorbildliche Netz droht Löcher zu bekommen, denn Verschwörungstheorien breiten sich immer weiter aus. Da kommt der ganz besondere Geistesblitz der politischen Nomenklatura Frankreichs vielleicht als Rettung in letzter Minute: wie das Voltaire-Netzwerk des französischen Journalisten Thierry Meyssan berichtet, soll Staatspräsident Francois Hollande seine sozialistische Partei eingeschworen haben, endlich gegen den grassierenden Wildwuchs der Verschwörungstheorien im Internet durchzugreifen. Welche Verschwörungstheorien Hollande und Co. meinen? Na, die Verschwörungstheorien eben: Alles, was den Fakten, die wir durch Schulbildung, Massenmedien und offizielle Institutionen erfahren haben, nicht entspricht, oder, noch schlimmer, diametral entgegensteht. Dazu gehören Zweifel an der offiziellen 9/11-Erklärung, ebenso wie die Infragestellung des Finanz- und Bankensystems oder die Beschäftigung mit esoterischen Verwirrtheiten wie Kornkreise, Geistheilung, freie Energie oder Reinkarnation. Eine Differenzierung scheint unnötig, denn Francois Hollande sagt in seiner Rede:

"[Der Antisemitismus] unterhält die Verschwörungstheorien, die sich ohne Begrenzung ausbreiten. Verschwörungstheorien, die in der Vergangenheit schon zum Schlimmsten geführt haben, "(...) "[Die] Antwort ist, der Sache bewusst zu werden, dass die komplotistischen Thesen sich über das Internet und soziale Netzwerke verbreiten. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Vernichtung zuerst durch das Wort vorbereitet wurde. Wir müssen auf europäischer und sogar internationaler Ebene handeln, damit ein rechtlicher Rahmen definiert werden kann, und die Internet-Plattformen, welche die sozialen Netzwerke verwalten, zur Verantwortung gezogen werden, und dass, im Falle einer Verletzung, Sanktionen verhängt werden".

Zusammengefasst: weil die Nationalsozialisten Verschwörungstheorien benutzten, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis auch die heutigen Umtriebe erneut in einem Holocaust münden würden. Soweit völlig logisch. Und um auf Nummer sicher zu gehen, dass sich Derartiges nicht wiederholt, hier noch der ergänzende Vorschlag, dass Verschwörungstheorien und verschrobene Denkweisen, die auch von Nationalsozialisten schon einmal benutzt wurden, als widerlegt gelten und mit einem allgemeinverbindlichen, gesetzlich verankerten Tabu belegt werden sollten. Dass Hollande und Mitstreiter uns hier mit einem rechtlichen Rahmen a la "Patriot Act" beschützen wollen, ist der erste richtige Schritt. Er dürfte uns ähnlich effektiv schützen wie George W. Bushs beherztes Eingreifen gegen den globalen Terror.

Die Einweihung einer Shoa-Gedenkstätte war für Hollandes weise Worte der angemessene Rahmen, denn so konnte die wichtige Eselsbrücke Verschwörungstheorien-Antisemitismus-Holocaust nochmals besser verankert werden. Mit dieser durch und durch plausiblen Analogie trifft Hollande auch zurecht den mehrheitsfähigen Nerv der aufgeklärten Teile der Gesellschaft und dürfte dementsprechend große Zustimmung finden. Dass der Kampf gegen #Rassismus und Antisemitismus als Vorwand missbraucht wird, um die freie Meinungsäußerung im Sinne der herrschenden Eliten zu beschneiden, ist natürlich nur eine weitere unsinnige Verschwörungstheorie - allein schon deshalb, weil es "herrschende Eliten" gar nicht gibt. Dass es ein weltweit operierendes Netzwerk an Antisemiten gibt, die das Internet mit Verschwörungstheorien infiltrieren, um dadurch einen neuerlichen Holocaust in Gang zu setzen, ist hingegen Fakt. Wir müssen dankbar sein, dass aufgeklärte Skeptiker diese dunklen Umtriebe aufgedeckt haben.

Soweit die Einführung, die die aktuelle Entwicklung und das "offizielle" Narrativ dieses "Problems" in womöglich leicht überspitzter Weise wiedergibt. Im folgenden Teil soll es darum gehen, ob wir ohne Verschwörungstheorien wirklich besser leben und was es mit der Hartnäckigkeit, mit der sich das unbequeme Phänomen aufrecht erhält, auf sich hat.

Bild: gruntzooki - [CC BY-SA 2.0] / Flickr.com