In Zeiten von IS-Terror, Flüchtlingskrise, Skandalen aller Art und vielem mehr, sprechen viele wieder von Werten, die es zu verteidigen gelte. Doch was meinen wir eigentlich, wenn wir von Werten sprechen? Und welche Werte sollen wir verteidigen, welche allenfalls nicht? Viele Fragen, auf die wir eine Antwort finden müssen.

 

Nicht nur Tugenden

In der öffentlichen Diskussion werden unter Werten oft nur Tugenden wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit etc. oder ein bestimmtes Menschenbild verstanden, z.B. dass grundsätzlich jeder Mensch gleich viel wert sein soll. Das ist aber bereits eine Engführung des Wertebegriffs. Ich bevorzuge eine weitere Definition, nämlich die, dass unter „Werte“ all das zu subsummieren ist, was mir etwas wert ist, also alles, was mir wichtig ist.

 

Wie wichtig sind die Werte wirklich?

Sagen wir, ich hätte nun zwanzig oder dreißig Werte herausgefiltert, die mir wichtig sind. Doch jetzt kommt es darauf an, wie wichtig sie wirklich sind, in was für eine Reihenfolge ich meine Werte bringe. Ist mir nun Geld oder Ehrlichkeit wichtiger? Entscheidet sich zum Beispiel bei der Steuererklärung oder wenn ich erklären soll, ob ich bei der Blitzaufnahme von der überhöhten Geschwindigkeit meines Wagens selbst am Steuer saß oder irgendein Freund, dem ich meinen Wagen angeblich geliehen habe.

Kurzfristige Bequemlichkeit entscheidet

Viele (die meisten?) Menschen haben dies für sich nicht grundsätzlich geklärt. Mit der ersten Folge, dass bei einer Entscheidung die aktuelle Befindlichkeit eine Hauptrolle übernimmt. Man weiß dann zwar, dass ein bestimmtes Verhalten nicht ok ist, aber weil man den „Preis“, z.B. in einer Gruppe in der Minderheit zu sein, nicht bezahlen will, verleugnet man den Wert, der einem angeblich so wichtig ist.

 

Unklare Werte haben Folgen für jeden einzelnen…

Kurzfristig mag es mir in solch einem Fall besser gehen, keine Frage. Ich musste ja keine Stellung beziehen, bin nicht zum Außenseiter in meiner Gruppe geworden, habe mehr Geld zur Verfügung als ohne meinen kleinen Betrug oder was auch sonst ich für einen Vorteil gewonnen habe. Unter längerfristigen Gesichtspunkten sieht es allerdings anders aus, sehr viel anders.

Wenn ich meine Werte immer wieder neu verhandle (auch mit mir selbst verhandle), ohne, dass ich für mich bestimmte Grundsätze zur Einhaltung dieser Werte festlege, dann wird die aktuelle Befindlichkeit die Steuerung meines Verhaltens übernehmen. Das bedeutet, dass ich in aller Regel den Weg des geringsten Widerstandes gehe, den Weg, der mir im Hier und Jetzt den geringsten Preis abverlangt. Dass ich später einen sehr viel höheren Preis zahlen muss, blende ich aus, weil eben nur das Hier und Jetzt zählt. Dieser Preis besteht vor allem in Orientierungslosigkeit und in der Folge auch einem deutlich erhöhten Maß an Entscheidungsstress jeglicher Art, weil ich dann ja keinen Maßstab habe, an dem ich meine Entscheidungen ausrichten kann.

 

…und die Gesellschaft

Was für den Einzelnen gilt, gilt sogar noch verstärkt für die Gesellschaft als Ganzes. Wenn wir es nicht schaffen, einen „allgemeinen Geist“ (Montesquieu), der auf gemeinsamen, von allen akzeptierten Werten basiert, zu entwickeln, dann werden wir es sehr schwer haben, die vor uns liegenden Herausforderungen, inklusive der Flüchtlingsherausforderung, zu meistern. Auch hier gilt es, von kurzfristigen Befindlichkeiten wegzukommen und die längerfristige Wirkung unserer Werte und den damit verbundenen Entscheidungen in den Blick zu nehmen. #Gesundheit