In Kiel starben Patienten infolge von Infektionen mit multiresistenten Keimen. Lungenkrebs rückte als häufigste Todesursache bei Frauen auf Platz 1 und ließ den Brustkrebs hinter sich. Die ersten Wochen des Jahres brachten für deutsche Internisten nicht die besten Nachrichten. Dennoch – oder gerade deshalb – wollen sie in eine neue Ära aufbrechen.

Krankheiten besser verstehen und therapieren

Seit 2001 das menschliche Genom entschlüsselt werden konnte, werden bei immer mehr Erkrankungen Ursachen der Entstehung aufgeklärt. Besonders bei Krebserkrankungen können molekulare Prinzipien das Leben verlängern. Karzinome lassen sich durch molekulargenetische Analysen besser klassifizieren. „Wie bösartige Tumore entstehen und sich verhalten, verstehen wir von Tag zu Tag besser“, sagte Professor Dr. med. Michael Hallek, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und Direktor der Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln, auf der Jahresauftaktpressekonferenz der Gesellschaft in Berlin. „In der Onkologie gab es in den letzten Jahren einen enormen Wissensschub“, ergänzte Professor Dr. med. Christian Reinhardt, Grundlagenforscher und Mediziner in der gleichen Klinik. Damit Ärzte die Fortschritte verstehen können, müssen sie über solides Basiswissen verfügen. Auch Pharma-Firmen müssten umdenken. „Künftig wird es nicht nur ein Medikament bei Bronchialkarzinom geben. Das ist unattraktiv für die Konzerne, deshalb muss man diese Fragen auch in der Gesellschaft diskutieren.“

Korrigierte Entscheidungen durch interdisziplinäre Vernetzung

Künftig werde es noch wichtiger, sich in der Medizin zu vernetzen. „Es ist spannend, ein bestimmtes Schaltermolekül zu kennen, das gegen Krebs wirksam ist, gleichzeitig jedoch die Wirkung von Insulin hemmt“; veranschaulichte Hallek die Herausforderungen. „Das Wissen des Einzelnen wird nicht mehr ausreichen, um Patienten zu behandeln.“ Für junge Ärzte sei das häufig schon Alltag: „Sie verstehen sich über Fachgrenzen gut.“ Praktiziert wird die vernetzte Zusammenarbeit beispielsweise in so genannten Tumorboards, die in zahlreichen Kliniken etabliert sind. Ungefähr ein Drittel aller Entscheidungen werde nach dem kollegialen Fachaustausch korrigiert. Davon profitieren die Patienten. Auch eine engere Verzahnung von stationärer und ambulanter Behandlung wird angestrebt.

Gespräche stärken, Fehlversorgung vermeiden

Ein weiteres großes Ziel hat sich der Vorstand der mit 23.000 Mitgliedern eine der größten wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland gesteckt. Sie wollen gemeinsam mit allen Schwerpunktgesellschaften der Inneren Medizin und den Patienten bis zum Beginn des 121. Internisten-Kongresses, der im April in Mannheim stattfinden wird, einen ersten Entwurf eines Kataloges vorlegen, der Unter-, aber auch Überversorgung offen legt. Die Kampagne unter dem Motto „Klug entscheiden“ nach dem amerikanischen Vorbild „Choosing wisely“ will die medizinische Qualität auf hohem Niveau halten und verbessern. Im Kern geht es darum, auf Grundlage der gültigen Leitlinien überflüssige Diagnostik zu identifizieren. Gegenwärtig schafft das Gesundheitssystem Anreize für Überdiagnostik. „Wir werden dafür bezahlt, etwas zu tun, anstatt etwas nicht zu tun“, will Professor Michael Hallek ins Bewusstsein rücken. „Es ist in der Regel nicht nötig, bei erstmaligen Rückenschmerzen ohne Begleitsymptomatik grundsätzlich eine aufwändige Bildgebung zu veranlassen“, nennt DGIM-Generalsekretär Professor Ulrich R. Fölsch ein Beispiel. Zudem seien manche Ärzte unsicher und auch das Anspruchsdenken mancher Patienten verschwende mitunter Ressourcen. Gespräche tragen viel zur Genesung bei und sollen deshalb - so der Wunsch der Internisten - besser vergütet werden. „Ich werbe für einen umfassend gebildeten Arzt, statt für einen funktionalen Apparatschik“, fasste der DGIM-Vorsitzende Professor Michael Hallek zusammen.

Foto: ©Dagmar Möbius #Gesundheit