Die DAK-#Gesundheit stellte heute in Berlin eine Innovation vor, die sie ab Juni 2015 ausgewählten Diabetikern zur Verfügung stellt. Im Rahmen eines Pilotprojektes können sich für ein Disease-Management-Programm (DMP) eingeschriebene DAK-Versicherte freiwillig bereit erklären, den High-Tech-Sensor FreeStyle Libre zu testen.

Diabetes als Balanceakt

Bisher müssen vor allem insulinpflichtige Diabetiker mehrmals täglich ihren Zuckerwert bestimmen. Durch die unzähligen Stiche in die Finger, beklagen sie mit der Zeit taube Fingerspitzen. "Wie häufig man misst, hängt auch davon ab, wie schmerzempfindlich man ist", weiß Thomas Bodmer, Vorstandsmitglied der DAK-Gesundheit. "Diabetes ist ein ständiger Balanceakt zwischen zu viel und zu wenig Blutzucker. Die Krankheit ist eine Lebensaufgabe, die sehr viel Disziplin erfordert", sagt Dr. Ansgar Resch, General Manager bei Abbott Diabetes Care Deutschland. Sein Unternehmen will Diabetikern das Leben einfacher machen. "Die konventionelle Blutzuckermessung ist nicht nur schmerzhaft, sondern auch schwer im Beruf zu integrieren und sie grenzt aus." Zudem liegen nur drei bis acht Momentaufnahmen pro Tag vor. "Dazwischen ist Dunkelheit, man weiß nicht, wo man steht", so der Mediziner.

Professor Morten Schütt vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein vergleicht die Nachtstunden mit einer Blackbox. "Erst in den letzten Jahren haben wir gelernt, dass Unterzuckerungen zum Teil lebensbedrohlich sein können: das Gehirn ist unterreguliert oder Herzrhythmusstörungen treten auf", erklärt der Diabetologe. "Auch milde Unterzuckerungen sind gefährlich, weil die Therapiesteuerbarkeit entgleist."

Dreimal scannen - 24-Stunden-Profil bekommen

Das neue System misst den Zuckerwert in der Zwischenzellflüssigkeit des Unterhautgewebes. Dazu klebt der Patient den ungefähr Zwei-Euro-Stück-großen Sensor auf die Rückseite des Oberarms. Er hält etwa zwei Wochen und kann auch beim Baden, in der Sauna und beim Sport getragen werden. Mit einem Lesegerät lässt sich der Sensor jederzeit, auch durch die Kleidung, scannen. Jeweils für 90 Tage werden die Zuckerwerte gespeichert. "Wer dreimal am Tag scannt, bekommt ein komplettes 24-Stunden-Profil", veranschaulicht Resch. Allerdings muss in einigen Situationen trotzdem konventionell gemessen werden. So bei Unterzuckerung, wenn sich die Blutzuckerwerte sehr schnell ändern oder wenn sie nicht zu den Symptomen passen. "Das Wesentliche der Diabetes-Therapie ist selbstständiges Navigieren", betont Professor Morten Schütt. Das mit dem neuen System mögliche Trendprofil ist für ihn die größte Innovation. "Bisher musste ich in Blutzuckertagebüchern blättern und die Patienten fragen, was los war. Das war teils hypothetisch. Jetzt erkennen wir Ärzte, wie Täler und Berge in den Kurven entstehen", beschreibt er einen wesentlichen Vorteil.

Nachfrage übersteigt Lieferkapazität

Das im August 2014 in Deutschland zugelassene Produkt ist seit Ende des Vorjahres auch auf dem freien Markt erhältlich. Für einen Sensor mit 14-tägiger Nutzdauer sind 60 Euro zu berappen, die Kosten für das Lesegerät kommen hinzu. "Momentan übersteigt die Nachfrage unsere Lieferkapazitäten", bedauert Dr. Ansgar Resch. Im Direktvertrieb sind die Sensoren derzeit nur für Abbott-Bestandskunden zu erwerben. Zu Absatzzahlen sage das Unternehmen grundsätzlich nichts, doch die Produktion werde hochgefahren. Angesichts des bereits im Internet betriebenen Schwarzmarktes geht der General Manager davon aus, dass sich die Lage regulieren wird.

Versorgung für alle angestrebt

Noch ist die Neuheit keine Kassenleistung. Ab Juni 2015 will die DAK-Gesundheit als erste deutsche Krankenkasse zunächst 1000 Diabetiker in das Pilotprojekt aufnehmen - auf freiwilliger Basis. Bis zum Jahresende sollen mehrere Tausend Patienten von der Innovation profitieren. "Wir werden analysieren, wie sie sich im Alltag bewährt", kündigt Thomas Bodmer an. Er geht davon aus, dass das System - abhängig von der Studienlage - in die Regelversorgung Einzug halten wird. "Unsere Investition wird langfristig Einspareffekte bringen, zum Beispiel durch weniger Diabetes-Spätfolgen und weniger Krankenhauseinweisungen", hofft das DAK-Vorstandsmitglied. "Und wir wünschen uns, dass das System bis Weihnachten für Kinder zugelassen wird, dann hätten wir eine bessere Compliance."

Die Firma Abbott verhandelt mit weiteren Krankenkassen über Erstattungsregelungen.