Das Zwitschern der Vögeln, das Rauschen eines Flusses, ja selbst das Klingeln eines Weckers - alles klingt so weit entfernt oder verzerrt oder noch schlimmer: man hört es erst gar nicht.

15 Millionen Menschen sind hörgeschädigt

So sieht die Geräuschkulisse eines hörgeschädigten Menschen aus. Etwa 15 Millionen Menschen sind laut hörkomm.de betroffen. Leila J. ist eine davon. Schon von Geburt an hat sie die Stimme ihrer Mutter nicht wahrnehmen können. Leila berichtet mir: "Ich bin schon seit Geburt an schwerhörig. Wenn meine Mutter nicht so hartnäckig geblieben wäre, hätte man die Schwerhörigkeit erst viel später entdeckt und ich hätte wahrscheinlich intellektuelle Einschränkungen in Kauf nehmen müssen." Leila hatte Glück im Unglück. Mit zehn Monaten wurde die Schwerhörigkeit festgestellt und so konnte umgehend eine Hörgeräteversorgung stattfinden.

"Seit meiner Geburt trage ich auf beiden Seiten ein Hörgerät. Vor einem Jahr hat sich meine Hörleistung auf dem rechten Ohr jedoch rasant verschlechtert, sodass ich mich notgedrungen zu einer Cochlea-Implantat Operation entschieden habe" Die 25- Jährige zeigt mir ihre wertvollen Geräte: ein Hörgerät der Firma Phonak und ein Cochlea Implantat. Auf meine Frage, wie teuer das alles ist, lächelt Leila ruhig und erklärte stattdessen: "Wissen Sie, wenn ich das ganze Geld, was ich für die Hörgeräteversorung, Reparaturen, Batterien in einen gut florierenden Fonds investiert hätte, wäre ich heute bestimmt Millionärin."

Krankenkassen müssen sich höher bei den Kosten beteiligen

Ich denke mir im Stillen, das sei doch eine überspitzte Berechnung. Also forschte ich nach. Und tatsächlich: Die gesetzliche Krankenkasse bezahlt nur einen festen Satz an Hörgeräten, ab achtzehn Jahren muss man für die Batteriekosten selbst aufkommen und da die Hörgeräte besonders für hochgradig Schwerhörige enorme Leistungen aushalten müssen, geben viele Batterien schon nach 5 oder 6 Tagen den Geist auf. Einige sogar noch schneller. Erst seit einiger Zeit gilt ein Gerichtsurteil des Bundessozialgerichts, wonach die gesetzliche Krankenkasse verpflichtet ist, bei entsprechender Hörschädigung und nachgewiesener Notwendigkeit über den Basissatz hinaus einen Anteil übernehmen müssen (Bundessozialgericht, AZ: B 3 KR 20/08 R).

Für Leila ist dies jedoch nur eine begrenzte Hilfe. Sie berichtet: "In einer normal hörenden Welt hat man es als Schwerhörige sehr schwer, Akzeptanz zu finden." Leila weiter "Für meine Ausbildung als Bankkauffrau hab ich hart gekämpft und habe mich in verschiedenen Bereichen durchsetzen müssen." Sie lobte ihren Ausbildungsbetrieb und ergänzt "Meine Personaler waren wirklich sehr verständnisvoll und haben mich nach Möglichkeit unterstützt, aber auch erklärt, wo meine Grenzen sind." Damit spielt Leila auf eine folgende Beispielszene an: "Wo ich zum Beispiel nur sehr selten eingesetzt wurde und auch nur in einer kleinen Bankfiliale, waren Schaltertätigkeiten meine Aufgabe. Der Schalter war mit Glas gesichert und dementsprechend ist die Akustik sehr schlecht. Da habe ich voll Verständnis dafür, dass ich dort nicht wirklich aktiv und engagiert arbeiten kann, weil kein Kunde der gesamten Bank mitteilen möchte, wieviel er einzahlen oder abheben will." Nach der Ausbildung arbeitete Leila in Bereich der Baufinanzierung.

Mobbing

Ab hier fingen die Probleme mit Mobbing an. "Mein Vorgesetzter war sehr unfreundlich, die wöchentlichen Meetings liefen in rasender Geschwindigkeit ab und es gab nicht einmal ein Gesprächsprotokoll. Außerdem durfte ich nur Briefe verfassen und sonst keine bankbezogenen Tätigkeiten machen wie Bonitätsanalysen oder ähnliche Tätigkeiten." Nach meinen Recherchen ergeht es vielen Schwerhörgkeiten so. Sie haben einen Beruf erlernt - die meisten in einen Bereich, wo es eher auf visuelle Fähigkeiten ankommt wie Mediengestalter - und werden trotzdem gemobbt - im Falle der Arbeitslosigkeit sogar in Extremfall viele Jahren. So wie Leila, sie berichtet mir, welche Probleme sie als Arbeitslose seit 2012 hat.

Hörbehindert und arbeitslos

Umschulungsmaßnahmen werden nicht bezahlt, Quereinstieg in andere Berufe gelingen auch nicht und so kann die 25-jährige Leila in Moment nur eines tun: "Ich studiere gerade Wirtschaftswissenschaften. In der Universität werde ich hervorragend unterstützt." Aber auch ein Studium kostet Zeit und Geld. Besonders über den ersten Punkt macht Leila sich Gedanken: "Ich bin 25 Jahre, wenn alles gut geht bin ich mit 28 Jahren fertig und kann gerade mal ein Jahr Berufserfahrung plus Ausbildung vorweisen." Praktikas oder Werkstudententätigketen haben sich bislang nicht ergeben, kommentiert sie noch ruhig.

Wer nicht kämpft ...

Das alles hindert sie jedoch nicht daran, ihren größten Traum zu erfüllen: "Eine Weltreise, zuerst Kanada, dann nach Kalifornien und Florida, Südarmerika, Australien, Japan, Thailand, Dubai, Norwegen und dann nach Deutschland." schwärmt sie. Außerdem spricht die ehrgeizige Leila von Karriere, Akzeptanz und ein bisschen mehr Mut auch über den Tellerrand hinauszugucken. "Da muss ich aber auch vielen Schwerhörigen auf die Finger klopfen. Viele haben einfach resigniert und aufgegeben." So etwas kommt für Leila nicht in Frage: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."


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