"Kinder sind keine kleinen Erwachsenen", appelliert Professor Wolfgang Rascher, Direktor der Kinder- und Jugendklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Das Zitat stammt von Abraham Jacobi, dem Begründer Kinderheilkunde in den USA. Das Fachgebiet behandelt Kinder und Jugendliche von der Geburt bis zur Volljährigkeit. "Wir haben es mit Körpergewichten von 500 Gramm bis 100 Kilogramm zu tun", veranschaulicht Rascher. Er hält die Zahl der unerwünschten Arzneimittelwirkungen bei Kindern für "erschreckend hoch". Zwar habe das nach dem Contergan-Skandal geänderte Arzneimittelgesetz für Erwachsene Sicherheit gebracht, für Kinder jedoch nicht.

In 15 Prozent der Fälle werden Verordnungen fehlerhaft dokumentiert. In 24 Prozent der Fälle werden die Standards verfehlt und in 35 Prozent treten Medikationsfehler auf. Damit wird das Verhältnis von Fehlern in der Arzneimitteltherapie bei Kindern und Erwachsenen auf 3:1 geschätzt. Das häufigste Problem ist, dass Kindern oft eine zehnfach höhere Dosis verabreicht wird, als empfohlen oder erlaubt. So starb beispielsweise ein 16 Monate alter Junge. Er hatte wegen Fieber zwei Paracetamol-Zäpfchen bekommen, dazu ein Mittel gegen Übelkeit. "Die Dosis war viel zu hoch für ihn", erklärt der Kinderarzt. Ein sechs Monate altes Mädchen verstarb nach einer Darmspülung wegen einer Verstopfung infolge einer Phosphatvergiftung. "Das Mittel hätte man bei Kindern unter zwölf Jahren gar nicht geben dürfen. Das ist bekannt, aber es wird trotzdem gemacht."

Eine amerikanische Studie wies nach, dass elektronische Medikationspläne Leben retten. Speziell bei Kindern müssen komplexe Dosisberechnungen angestellt werden. Auch die Zubereitungsformen und die Darreichungsformen müssen berücksichtigt werden. "Wenn ein Antibiotika- Saft nicht geschluckt, sondern intravenös gespritzt wird und das Kind stirbt, kann das die Informationstechnologie auch nicht verhindern", stellt Rascher klar, gibt aber zu bedenken: "Die Dosen für Kinder stehen nicht in den Fachinformationen." Die zu beachtende Unterschiedsvielfalt bei Kindern und Erwachsenen könne heute niemand mehr auswendig. Eine nationale Datenbank für Kindermedikamente gibt es in Deutschland bisher nicht. Im Rahmen des Aktionsplanes Arzneimitteltherapiesicherheit arbeiten Forscher zurzeit an Handlungsempfehlungen. Dazu werten sie unter anderem Fachliteratur aus. "Das dauert lange, aber die Arbeit muss gemacht werden", meint Rascher.

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