"Ist das so üblich?", fragte sich die Mutter, die ihre erwachsene Tochter zu einer Heilpraktikerin begleitet hatte. Die Praxis im Keller eines privaten Wohnhauses. Weit und breit kein Praxisschild. Betroffene von Allergien empfehlen den Kontakt durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Heilpraktikerin empfing in ziviler Kleidung. Etwas später kam die Teenie-Tochter in den "Behandlungsraum", schaute sich am Rechner Urlaubsfotos an und führte ein privates Telefonat. Eine Urkunde über eine bestandene Heilpraktikerprüfung war nicht zu entdecken. Die Untersuchungsverfahren mit technischen Geräten fragwürdig. "Sie kriegte panische Flecken, als ich wissen wollte, warum sie was macht", beschreibt die Mutter. Mit den Geräten wolle sie herausfinden, welche Störfelder ich in meinem Körper habe. Angeblich sei ich sehr gut aufgestellt, sie habe nur ganz wenige Patienten, die keine Pilze hätten.

Beobachtungen

Die besorgte Mutter berichtet weiter: "Ich sollte zwei Kugeln in die Hand nehmen. So eine Art Magnete. Vorschriftsmäßig desinfiziert wurde augenscheinlich nichts. Ein Waschbecken habe ich nicht gesehen. Nach gefühlten fünf Minuten stand meine Diagnose fest. Sie gab mir zwei Blister mit Kapseln, die ich nehmen sollte. Die Medikamente nahm sie aus der Originalverpackung. Irgendwas mit Michsäurebakterien habe ich verstanden. Richtig gewundert habe ich mich, als sie sagte, die Kapseln dürfe ich bis morgen nicht aus der Tüte nehmen und nicht berühren, auch weder Milch noch Käse oder Quark essen, diese Lebensmittel ebenfalls auf keinen Fall berühren. Sonst würde das heutige Löschen nicht wirken." Bezahlt wurde in bar. Das Honorar in Höhe von 12,50 Euro wanderte in die Schrankkasse. Eine Rechnung oder Quittung gab es nicht.

Rechercheansätze

In einer aktuellen statista-Umfrage gaben 49 Prozent der Befragten an, in Gesundheitsfragen dem Homöopath oder Heilpraktiker zu vertrauen. Das größte Vertrauen - mit 93 Prozent - genießen Hausärzte. Die begleitende Mutter, selbst im Heilberuf tätig, wollte herausfinden, ob das Erlebte mit rechten Dingen zuging. Im Telefonbuch fanden sich keine Hinweise auf die angeblich Heilkundige. Anstelle von Bestellkarten oder Flyern gab es selbstgedruckte Praxisinformationen, kleiner als 9x13cm. In Minischrift enthalten waren die Öffnungszeiten, der Name (ohne Berufsbezeichnung), Anschrift mit Straße, Telefonnummer und eine Mailadresse. Bei der Recherche stellte sich heraus, dass sich die dazugehörige Domain nicht aufrufen lässt und zudem auf einen anderen Namen und eine andere Anschrift angemeldet ist. Im Internet fand sich lediglich ein vier Jahre alter Eintrag mit Foto in einem Fachforum, indem die Person als Internet-Expertin, Dozentin, Coach und Co-Autorin verschiedener (nichtmedizinischer) Fachbücher "aufgefallen" sei. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet unter dem bekannten Namen keine Co-Autorenschaft.

Gesetzliches

In Deutschland ist die "berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung" seit 1939 gesetzlich geregelt. Das Heilpraktikergesetz legt fest, dass jeder, der "die Heilkunde ausüben will, ohne als Arzt bestallt zu sein, eine Erlaubnis" benötigt. Wörtlich heißt es: "Ausübung der Heilkunde im Sinne dieses Gesetzes ist jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen, auch wenn sie im Dienste von anderen ausgeübt wird." Wer ohne eine Erlaubnis heilkundlich tätig wird, kann mit Freiheitsentzug bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft werden. Ausbildungen zum Heilpraktiker dauern zwischen einem und drei Jahren. Je eine schriftliche und mündliche Überprüfung muss beim zuständigen Gesundheitsamt absolviert und bestanden werden. Deshalb kann die Behörde im Zweifelsfall auch schnell feststellen, ob jemand zur Berufsausübung berechtigt ist oder gegen eine der zahlreichen geltenden Rechtsvorschriften verstößt.

Gewissheit

Im vorliegenden Fall ergab die Nachfrage im zuständigen Berliner Landesamt für #Gesundheit und Soziales: "Die Dame ist hier unbekannt." Ein Schock für die Mutter. "Ich bin nur froh, dass sofort eine Prüfung eingeleitet wurde."

Das sagt der Rechtsexperte:

BlastingNews bat Heinz-Georg Bramhoff von der Kommunikations- und Rechtsstelle beim Bund der Deutscher Heilpraktiker e.V. (BDH) um Auskunft.


Muss ein Heilpraktiker ein Praxisschild aushängen?

Das ist gesetzlich nicht geregelt, wird aber in aller Regel zwingend von den Gesundheitsämtern verlangt. Ein Gebot enthält auch der Artikel 9 der Berufsordnung der Heilpraktiker (BOH), die aber nur vereinsrechtlich für Mitglieder eines Heilpraktiker-Berufsverbandes bindend ist. Die Forderung, dass hier die geschützte Berufsbezeichnung "Heilpraktiker" zu verwenden ist, resultiert aber auch aus gesetzlichen Bestimmungen, so dem § 3 des Heilmittelwerbegesetz (HWG). Ansonsten wäre das Praxisschild eines Heilpraktikers ohne diese Berufsbezeichnung potenziell irreführend. Sich als Heilpraktiker zu bezeichnen, ohne die Überprüfung erfolgreich abgeschlossen zu haben und im Besitz der Erlaubnisurkunde zu sein, ist nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb sowie Heilmittelwerbegesetz unzulässig und kann geahndet werden. Die Ausübung der Heilkunde ohne Erlaubnis i.S. des § 1 HeilprG ist strafbar und kann sogar mit Gefängnisstrafe geahndet werden. Das kommt leider sehr selten vor.

Muss die Ausbildung offengelegt werden?

Auch hier ein klares Jein, eine Auslegepflicht existiert rechtlich nicht. Aus dem Patientenrechtegesetz und anderen Bestimmungen kann man aber subsumieren, dass ein Heilpraktiker auf Befragen hierzu Auskünfte erteilen muss, soweit das für die Behandlungssituation relevant ist.

Muss die Urkunde der bestandenen Heilpraktiker-Prüfung sichtbar aushängen?

Meines Wissens gibt es keine allgemeine überörtliche Verpflichtung. Ich habe aber von Gesundheitsämtern gehört, die das verlangen.


Im vorliegenden Fall hat die Dame Medikamente ohne Verpackung, ohne Beipackzettel, ohne schriftlichen Einnahmehinweis ausgegeben - darf sie das?

Das ist ganz klar unzulässig, §§ 43 und 47 AMG, und strafbar.


Wie häufig werden Ihnen solche Fälle bekannt?

Ich führe keine Statistik darüber, aber ich habe kürzlich einen Workshop zum Umgang mit dem Heilmittelwerbegesetz in einer BDH-Verbandsschule durchgeführt. Drei von 23 Teilnehmern haben mir in Pausen von der unerlaubten Ausübung der Heilkunde durch unterschiedliche Individuen berichtet.

Erste Auskunftsstelle ist immer das zuständige Gesundheitsamt, welche Hilfe können Sie als Berufsverband geben?

Wir haben ein besonderes Interesse daran, dass die an sich ausreichenden gesetzlichen Bestimmungen auch tatsächlich von den Aufsichtsbehörden angewandt werden. Wir stellen auch Laieninformationen zur Verfügung, halten Vorträge, unterstützen unsere Mitglieder bei lokalen Aktionen und melden den Behörden hin und wieder besondere Auswüchse der Negierung der Bestimmungen des HeilprG.

Was gilt für die so genannten Heiler?

Aus meiner Sicht gibt es da überhaupt keine Formularien. Es sollte auch keine Grauzonen geben.

Nicht erst seit dem Geistheiler-Urteil des BGH finden Winkeladvokaten immer wieder Argumente dafür, dass bestimmte Heilverfahren durch das Raster fallen. Sie werden umbenannt und gelten dann als Wellness-Behandlung, die ja keine Heilbehandlung im Sinne des § 1 HeilprG ist. So habe ich gehört, dass eine "Gesundheitsberaterin" die Dorn-Therapie, eine naturheilkundliche Therapie an der Wirbelsäule, als Wellness-Massage anbietet und damit ganz offensichtlich derzeit keine Probleme mit der Aufsichtsbehörde hat. Darum zu kümmern haben sich an erster Stelle die Gesundheitsämter und dann auch oft die Staatsanwaltschaft. Unsere Mitglieder verwenden so viel Zeit für Ausbildung und Fortbildung, da ärgert jeder Fall des Nassauers.