"Endlich kommt der Sommer!" Deutschland steht vor Freude Kopf. Da sagt man die erste Hitzewelle des Jahres voraus und die Menschen geraten sofort außer Kontrolle. Der gemeine Deutsche kann es kaum noch erwarten, dass es endlich heiß wird. 38 Grad in heißer Erwartung? Ich glaub's ja jetzt. Schon gestern bei 22 Grad sah ich eine Frau, wie sie ihr Gesicht an der Bushaltestelle zum Himmel neigte. Ich fragte, ob es ihr gut gehe. Sah so komisch aus. "Sie möchte bis zum Wochenende braun werden, wenn sie ins Freibad geht", so ihre Antwort. Solche Sätze sind erst der Anfang. Und die Beobachtung an der Bushaltestelle, mitten auf dem Berliner Alexanderplatz, machte mich traurig. Die arme Frau sitzt wohl noch die halbe Woche an der Haltestelle. Auch ich fühle mich als Medienvertreter bei solchen Bildern schuldig.

Hitzethemen sind nur was für den Friseur


Denn der Hype um den Sommer verantworten seit Jahren vor allem die Journalisten. Sollten eigentlich Wetterthemen für den Smalltalk, der zwischenmenschlichen Anbahnung und natürlich dem Friseur vorbehalten bleiben, überleben ganze Publikationen und Sender inzwischen nur noch wegen der Unmengen an Sommerthemen. Vor zwei Jahrzehnten, oder so ungefähr vor dieser Zeit, erfanden wir Medien den Begriff "Sommerloch". Das ist die Zeit, wo wir uns spürbar mehr mit Gaga-Themen beschäftigen und Praktikanten Storys über Freibäder machen. Redakteure testen das beste Eis. Das Sommerloch erstreckt sich, gerade bei Boulevardzeitungen, mit dem Klimawandel inzwischen auf fast über die Hälfte des Jahres. Aber auch andere Medien sind Schuld.


Verschicke einfach mal Winterbilder im Hochsommer


Schon im April flippen Morgenmoderatoren im Radio aus, wenn es 21 Grad werden sollen und fragen ihre Hörer, wer sich schon auf die richtige Hitze freut. Für solche Ideen haben manche Kollegen viele Jahre studiert. Krass, was? Ich höre deshalb aus Prinzip kein Radio bis September. Onlinemedien fangen im Mai - spätestens - Wettbewerbe an. Man soll das schönste Sommerbild einsenden. Ich verarsche dann immer die Kollegen und sende Bilder vom letzten Winter ein. Einmal kam ein Weihnachtsmann zurück. Es gibt sie also noch, die Sommerhasser. Schön. Hilft aber auch nichts. Denn spätestens ab Juni schlägt das Fernsehen zu. TV-Wettermoderatoren verlieren komplett ihre langen Hosen. In kurzen Shorts jubeln Diplom-Meteorologen, mit behaarten Beinen, die Hitze herbei. So, und diese Woche wird es bis 38 Grad heiß und alle freuen sich immer noch. Jetzt reicht es mir.

Sommerhasserclubs empfehlen Regionen mit Dauerregen

Schon im Kindergarten lernen wir alle, dass man sich gemeinschaftlich auf den Sommer zu freuen hat. Ich verweigere mich, dass heute mit Mitte 30 immer noch tun zu müssen. Als wir bei Blasting News einen Bericht über den Sommerhype geschrieben haben, rechnete ich als Autor mit ziemlichen Beschwerden. Wie kann ich denn die schönste Zeit des Jahres so madig machen? Was dann kam, hätte ich mir nicht mal in den schlimmsten Tropennächten erträumen lassen. Auf Facebook bekam ich unzählige Nachrichten wie: "Sie sprechen mir so aus der Seele" oder "Wie kann man sich da nur freuen, arbeiten wird unterträglich." Eine Leserin lud mich sogar in ihren Sommerhasserclub ein. Ich trat bei und erfahre seither, wo ich preiswert in den Urlaub reisen kann - Orte mit kühlen Temperaturen und Dauerregen. Ich bin glücklich. 


16 Uhr sind alle im Park zum Sonnenbad - aber ohne uns


Kommen wir mal zu den unangenehmen Fakten, was bei dem Sommerzirkus schnell vergessen wird. Die Schichtarbeit boomt. Inzwischen arbeiten weit mehr als 50 Prozent der Leute zu unregelmäßigen Zeiten (Quelle: Statistisches Bundesamt, 10/2010). Was will man diesen Menschen erzählen? "Ätsch, der Sommer ist da!"? Diese Arbeitnehmer haben oft die Nase voll, dass man immer noch glaubt um 16 Uhr gehen alle in den Park, um Sonne satt zu genießen. Und fragen Sie bloß keinen Polizisten nach der Hitze. Die armen Beamten. Ihnen gilt mein besonderes Mitleid. Sie hängen in der Affenhitze in vorgeschriebenen Uniformen. Unerträglich.


Nach ein paar Flaschen Jägermeister kommt die Polizei


Auch die Einsätze nehmen an Hitzetagen zu. Bundesweit gibt es bei Tropentemperaturen mehr Klagen über nächtliche Ruhestörungen, weil sich die Menschen vermehrt im Freien aufhielten und Alkohol konsumieren. Und wie Sie sich sicher denken können, reagiert so manche Grillrunde nach drei Flaschen Jägermeister nicht mehr ganz so kooperativ, wenn die Polizei vor'm Gartenzaun steht. Oft endet die Hitze auch in der nächsten Notaufnahme. Meine Oma war da mal und sagte, es wäre noch voller als bei ihrem Orthopäden. Sie möchte bei der Hitze nie wieder ins Krankenhaus, sie wolle lieber sterben. Ach, Oma. Richtig ist aber, Ärzte arbeiten dort im Akkord und müssen die Kreisläufe der Sonnenanbeter irgendwie wieder in Schwung bringen.

Wie kann man sich also auf diese Hitze nur freuen? Wird Zeit, dass es endlich wieder regnet. Sommerhasser fordern das erfrischende Nass.

Fotorechte: Flickr.com, Sascha Kohlmann, Lizensiert unter Creative Common Attribution CC BY-SA 3.0 (DE)
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