Sie locken mit Spielzeugbeigaben und Comicfiguren. Aber: sie sind zu süß und zu fett. Ob Fruchtjoghurt oder Limonade - viel zu viele Kinderlebensmittel fördern Fehlernährung und Übergewicht. Und das, obwohl sich führende Konzerne 2007 freiwillig verpflichteten, verantwortungsvoll zu werben. Der so genannte „EU-Pledge“ erlaubt an Kinder gerichtetes #Marketing nur, wenn bestimmte Nährwertanforderungen eingehalten werden.

Nur 29 von 281 Kinderlebensmitteln ok

Die Realität sieht anders aus. In Kooperation mit der Deutschen Adipositas Gesellschaft, der Deutschen Diabetes Gesellschaft und diabetesDE stellte die Verbraucherorganisation foodwatch heute in Berlin eine Studie vor, die die freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelwirtschaft bezüglich Kindermarketing prüfte. „Nur 29 von 281 untersuchten Produkten dürften nach den Kriterien der WHO an Kinder vermarktet werden“, fasste Studienleiter Oliver Huizinga zusammen. Dass Produkte von McDonalds und Burger King „vergleichsweise am wenigsten schlecht“ abschnitten, müsse dringend zu denken geben.

Doppelt so viel übergewichtige Jugendliche wie vor 20 Jahren

„Die Basis für eine ausgewogene Ernährung wird in der Kindheit gelegt“, betonte Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Kinder und Jugendlichen essen deutlich weniger Obst und Gemüse als angeraten. Dafür konsumieren sie viel zu viel Wurst und Fleisch und zu viel Süßes. Knapp zwei Millionen Kinder und Jugendliche zwischen drei und 17 Jahren in Deutschland sind übergewichtig. Sechs Prozent sogar fettleibig. Heute gibt es doppelt so viele übergewichtige Jugendliche wie in den 1990er Jahren. Die Zahl jugendlicher Diabetiker hat sich verfünffacht. Übergewichtige haben ein erhöhtes Risiko, an Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen und Gelenkproblemen zu erkranken.

Gelöbnis wirkungslos

Die Experten halten den „EU-Pledge“ (pledge = englisch: Pfand oder Gelöbnis) für wirkungslos. Sie kritisieren die Nährwertgrenzen als zu lasch. Nach dem Willen der WHO dürfen beispielsweise Kinder-Frühstücksflocken nur 15 Prozent Zucker enthalten - der „EU-Pledge“ erlaubt 30 Prozent. Wie Kindermarketing definiert wird, sei ungenau. So schließt die derzeitige Selbstverpflichtung die Gestaltung von Verpackungen und die Werbung am Verkaufsort aus. Die Marketingbeschränkungen müssten für alle Kanäle und für Jugendliche bis 16 Jahre gelten. Obwohl die weltgrößten Lebensmittelkonzerne die Selbstverpflichtung unterschrieben, fehlen Branchengrößen wie Dr. Oetker, Haribo, Bahlsen, Ehrmann oder Hipp und der Lebensmitteleinzelhandel.

Werbeverbot soll vor Übergewicht schützen

Natürlich sei es Aufgabe der Eltern, sich für eine gesunde Ernährung ihrer Kinder einzusetzen, sagte foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode. Doch die Lebensmittelindustrie habe eine Mitverantwortung: „Sie fixt die Kinder mit unlauteren Mitteln an.“ Jahrelange Aufklärung hätte nicht gefruchtet. Eine freiwillige Selbstverpflichtung bringe deshalb nichts. „Es funktioniert nicht, weil es nicht weh tut.“ Fragwürdige ökonomische Anreize und Gewinnspannen von 18,4 Prozent wie bei Frühstücksflocken, Snacks und Keksen stehen einer fehlenden komplexen politischen Strategie gegenüber. „Die Menschen schaffen es in unserer übergewichtsorientierten Welt nicht, ungesunde von gesunden Lebensmitteln zu unterscheiden“, stellte Dr. Stefanie Gerlach. Vorstandsmitglied der Deutschen Adipositas Gesellschaft fest. „Auch den meisten Politikern ist nicht bewusst, dass 80 Prozent aller Krankheitsfälle in den Industriestaaten auf Fehlernährung zurückzuführen sind und vorzeitig zum Tod führen“, appelliert Dr. Dietrich Garlichs.

foodwatch fordert eine regulierende gesetzliche Begrenzung des Kindermarketings für #Lebensmittel. Danach soll an bis 16-Jährige gerichtete Werbung nur für Lebensmittel erlaubt sein, die die Nährwertkriterien des WHO/Europa-Modells erfüllen.

Foto: ©Dagmar Möbius

Eins von zehn Kinderlebensmitteln ist ok. #Gesundheit