Ein Viertel der Deutschen leidet an Funktionseinschränkungen der Bewegungsorgane. Als behandlungsbedürftig werden zehn Millionen Menschen geschätzt. Sieben Millionen leiden an schweren chronischen Rückenschmerzen, mehr als fünf Millionen an Arthrosen. Diese Krankheitsbilder sind nur einige aus dem genannten rheumatischen Formenkreis, der mehrere hundert Diagnosen unterscheidet. Rheuma ist eine Art Chamäleon. Der Begriff „Rheuma“ sagt nichts Konkretes zu den Beschwerden. Fast jeder Vierte ist von einer Rheuma-Art betroffen. Experten unterscheiden vier große Gruppen: die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, die degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, Weichteilrheumatismus sowie Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden.

 

Zu lange bis zur Diagnose

 

0,9 Jahre dauert es in Deutschland durchschnittlich, bevor Betroffene mit Rheumatoider Arthritis eine Diagnose haben. „Viel zu lange“, moniert Professorin Erika Gromnica-Ihle. Seit 2008 ist die Medizinerin Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga. Ein halbes Jahrhundert behandelte die Rheumatologin Erkrankte, davon 17 Jahre als Chefärztin einer Berliner Rheuma-Klinik. „Internationale Leitlinien empfehlen ein Zeitfenster von zwölf Wochen bis zum Therapiebeginn. Das ist der bestmögliche Zeitpunkt der Behandlung“, sagte sie im Vorfeld des Rheuma-Kongresses, bei dem sich ab 2. September rund 2500 Rheumatologen in Bremen über neueste medizinische Erkenntnisse austauschen.

 

„Der nervigste Patient bekommt den schnellsten Befund“

 

Zwar ist auch später eine Therapie möglich und notwendig, jedoch sinken die Chancen auf eine medikamentenfreie beschwerdefreie Zeit. Das Warten auf einen Termin beim Facharzt ist in einigen Regionen unakzeptabel. Oft sei es so, dass „der nervigste Patient den schnellsten Befund bekomme“. „Wir bräuchten doppelt so viele Rheumatologen als wir haben“, so Gromnica-Ihle. Doch nicht nur die Versorgungsstrukturen müssten sich ändern, auch die Patienten müssten wissen, wann es Zeit ist, einen Rheumatologen zu konsultieren. „Zwei geschwollene Gelenke, mehr als sechs Wochen“ sind nur ein Anlass. Auch Morgensteifigkeit, Schlafstörungen und eine geminderte Leistungsfähigkeit können auf eine rheumatische Erkrankung hinweisen.

 

Was vor 50 Jahren galt, ist überholt

 

Beginnt die Rheumatherapie früh, können die Gelenkentzündungen gestoppt werden. Das erspart den Erkrankten nicht nur Schmerzen, sondern erhält die Beweglichkeit und vermeidet den Einsatz künstlicher Gelenke – es spart auch deutlich Behandlungskosten. „Vor 50 Jahren habe ich meinen Patienten gesagt, sie müssen lebenslang Medikamente nehmen, das sage ich heute nicht mehr“, erläutert Gromnica-Ihle. Obwohl Rheuma noch nicht heilbar ist, müssen insbesondere erkrankte Kinder in der Regel nicht lebenslang auf Sport verzichten. Allerdings geben Kinderrheumatologen zu bedenken, dass ihre kleinen Patienten oft unzureichend geimpft sind. Eine neue Leitlinie rät beispielsweise, rheumakranke Mädchen bereits gegen das Humane Papillomavirus zu impfen, wenn sie zwischen neun und 14 Jahren alt sind. „Dann wirkt die Impfung zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs noch vor der Behandlung mit Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken“, betont Professor Dr. med. Hans-Iko Huppertz, Direktor der Professor-Hess-Kinderklinik in Bremen.

 

Foto: ©Dagmar Möbius

Professorin Erika Gromnica-Ihle ist Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga. #Gesundheit