„Röntgen kommt zehn Jahre zu spät.“ So beschreibt Dr. Ingo Arnold, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und operative Rheumatologie im Roten Kreuz Krankenhaus Bremen den klassischen Moment, wenn Patienten die Diagnose „Arthrose“ erhalten. Dann ist der Gelenkspalt zwischen zwei Knochen kleiner als er sein soll und der Knorpel ist abgebaut. Ein Schaden, der sich nicht reparieren lässt. Weil der Knorpelabbau schmerzlos und schleichend verläuft, kommen die meisten Patienten bisher erst mit verschlissenen Gelenken zum Arzt. Neue Verfahren erlauben jedoch, Frühstadien festzustellen. Noch können sie nicht flächendeckend eingesetzt werden.

Für alles eine Ursache

„Arthrose ist nicht immer eine Verschleißerkrankung“, stellt Arnold klar und ergänzt: „Es gibt mehr als eine Ursache.“ Anders als früher sind sich Mediziner heute einig, dass sich für die meisten degenerativen Erkrankungen Ursachen finden. Bei Arthrosen der Kniegelenke und der Finger ist inzwischen bekannt, dass genetische Faktoren mitspielen und zwar bedeutend mehr als bei Hüftarthrosen. Durch bestimmte Sportverletzungen, beispielsweise Fußball, Eishockey oder Handball, können sich Wachstumsfugen und deren Nachbargelenke verändern. Frühzeitig erkannt, kann ein operatives Vorgehen eine Arthrose verhindern.

Arthrose-Vorstufen erkennbar

Das Ergebnis einer Gelenkspiegelung zur Beurteilung der Knorpelkonsistenz hängt stark von der Erfahrung des Untersuchers ab. Schon jetzt lassen sich Arthrose-Vorstufen mit einer so genannten Nah-Infrarot-Spektroskopie oder einer speziellen Magnetresonanztomografie nachweisen. Diese Verfahren sind aber sehr teuer und werden noch nicht routinemäßig eingesetzt. „In zwei, drei Jahren könnte es so weit sein“, schätzt Arnold. Perspektivisch sollen auch Biomarker als Screening-Methoden zur Marktreife gebracht werden.

Krafttraining besser als Ausdauer

Körperliches Training verbessert die Funktionalität der Gelenke. Studien haben Kraft-, Ausdauer- und Flexibilitätstraining verglichen. „Kraftübungen sind effektiver als Ausdauertraining“, fasst Professor Ingo Arnold zusammen. Übrigens auch für Senioren. Beim dreimal wöchentlich empfohlenen moderaten Krafttraining kommt es vor allem auf die Intensität an. Besonders wichtig ist der Kniestreckmuskel: „Er lässt sich aufbauen.“ Kraft- und Ausdauerübungen sollten bei Arthrose nicht vermischt werden. Als hilfreich wissenschaftlich anerkannt ist auch die Kontrolle des Körpergewichts.

Was noch hilft

Ob Nahrungsergänzungsmittel bei Arthrose etwas bringen, wird kontrovers diskutiert. Vitamin K könne sinnvoll sein, da niedrige Blutspiegel mit dem Auftreten von Arthrose einhergehen. Spritzen ins entzündete Kniegelenk mit Hyaluronsäure, Kortikoiden oder plättchenreichem Plasma sind nach Ansicht der Rheumatologen momentan wirkungsvoller als Schmerzmittel, die geschluckt werden müssen. Noch sind allerdings nicht alle Wirkmechanismen völlig geklärt. In amerikanischen Studien wurde der Placeboeffekt bei Spritzenbehandlung als relativ hoch eingeschätzt.

Als vielversprechend für die Arthrosetherapie wird ein Medikament gesehen, das im nächsten Jahr als Tränenersatzflüssigkeit zugelassen werden soll. Grundlagenforscher untersuchen momentan Wachstumsfaktoren, die den Knorpelabbau hemmen. Eine mit sechs Millionen Euro von der EU geförderte Studie wird ab Dezember 2015 herausfinden, inwieweit Patienten mit Kniegelenksarthrose die Injektion von aus eigenem Körperfett gewonnenen Stammzellen helfen kann.

Foto: ©Dagmar Möbius

Dr. Ingo Arnold ist Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und operative Rheumatologie im Roten Kreuz Krankenhaus Bremen. #Europäische Union #Gesundheit #Sport