Am 1. Oktober wird der Europäische Depressionstag begangen. In diesem Jahr hat ihn die initiierende European #Depression Association unter das Motto „Move against Depression" gestellt. Mit dem zum zwölften Mal durchgeführten Aktionstag wollen die Mitglieder aus 17 europäischen Ländern auf die Volkskrankheit aufmerksam machen. In vielen Orten finden Veranstaltungen, zumeist im Rahmen der bundesweiten Woche der seelischen #Gesundheit, statt.

Gesundheitsrisiko Nummer 1

Depressionen sind häufig und kommen in jeder Lebensphase vor. „Bei einer Befragung von 1000 Menschen gaben 20 Prozent an, jemals eine Depression gehabt zu haben“, erläutert Professor Detlef E. Dietrich. Der Ärztliche Direktor der Burghof-Klinik Rinteln fungiert als Koordinator des Europäischen Depressionstages in Deutschland. Europaweit sollen 50 Millionen Menschen mindestens einmal in ihrem Leben von einer Depression oder depressiven Phase betroffen sein. Das sind elf Prozent der Bevölkerung. Obwohl der Eindruck mitunter täuscht, gibt es wissenschaftlich keine Hinweise dafür, dass Depressionen häufiger als früher auftreten. Dennoch gilt die Depression in Europa als Gesundheitsrisiko Nummer 1.

Symptome zu wenig bekannt

Die Erkrankung kann zahlreiche Ursachen haben. Die Symptome kennen viele Menschen aber nicht. Ist man nicht betroffen, kommt man nicht darauf, dass zum Beispiel Konzentrationsstörungen auf eine Depression hinweisen können. Obwohl solche Beeinträchtigungen das soziale und berufliche Umfeld belasten, arbeitet rund ein Drittel der Erkrankten weiter. Eine 2012 veröffentlichte Studie mit 7.000 Arbeitnehmern und Managern stellte fest, dass mindestens zehn Prozent der Arbeitnehmer schon einmal wegen einer Depression nicht gearbeitet haben. Dabei gingen durchschnittlich 36 Arbeitstage verloren. Obwohl die Größenordnung des Problems erkannt wurde, gab ein Drittel der befragten Manager an, keine Unterstützung zu erhalten, wie sie mit depressiven Arbeitnehmern umgehen sollen.

Versorgungslage defizitär

Äußerst unzufrieden sind Mediziner, Patienten und Angehörige mit der Versorgung. Aber: „Werden Depressionen nicht rechtzeitig erkannt und konsequent behandelt, können sie chronisch werden. Bei schweren Depressionen besteht das Risiko des Suizids“, betont die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, Dr. Iris Hauth. 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland pro Jahr das Leben. Laut aktuellen Zahlen werden 18 Prozent der Menschen mit schweren Depressionen nicht behandelt. Nur ein Viertel der Betroffenen erhält eine leitliniengerechte Therapie, die mindestens psychotherapeutische Gespräche, in schwereren Fällen auch medikamentöse Unterstützung, beinhaltet.

Ruhe tut nicht immer gut

60 Prozent der Depressiven sprechen übrigens auf Schlafentzug an. „Langer Schlaf wirkt depressionsfördernd“, weiß Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Wegen dieses Effektes können auch eine Krankschreibung oder Urlaub bei einer Depression kontraproduktiv wirken. Etwa die Hälfte aller psychisch Erkrankten findet allerdings nicht mehr zurück in die Arbeit. Die Zahl der Frühberentungen ist rasant gestiegen. Langsam erkennt die Politik, dass neue Strategien gefragt sind. Europäische Wissenschaftler haben vorige Woche eine Sechs-Punkte-Forschungs-Agenda vorgestellt. Im EU-Projekt ROAMER wollen sie unter anderem Erkenntnisse zur Prävention und Förderung psychischer Gesundheit, besonders bei jungen Menschen, bündeln. Zudem soll verstärkt nach Ursachen bei der Krankheitsentstehung geforscht und innovative Online-Therapien entwickelt werden.

Foto: ©Dagmar Möbius

Auf der Konferenz „Psychische Gesundheit 2030“ diskutierten Mediziner, Wissenschaftler und Politiker über Herausforderungen und Lösungsansätze für den künftigen Umgang mit psychischen Erkrankungen.