Wie viele Rheumapatienten interessieren sich für naturheilkundliche Behandlung?

Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis. 60 bis 70 Prozent fragen nach Alternativen zur medikamentösen Therapie. Wir wenden am häufigsten die Fastentherapie an. Gefastet wird etwa einmal im Jahr für sieben bis zehn Tage. Die Gelenksteifigkeit verbessert sich und die medikamentöse Therapie entzündlicher Prozesse wird nachweislich unterstützt. Wird die Ernährung beibehalten, kann der Effekt bis zu einem Jahr anhalten. Ob kürzeres Fasten oder Intervallfasten an ein oder zwei Tagen wöchentlich genauso wirken, untersuchen zurzeit mehrere Studien. Gesichert ist auch, dass beispielsweise Wechselbäder, kalte und warme Güsse oder Wickel nach Kneipp die Schmerzen lindern. Stressreduktion und Entspannungsübungen sind ebenfalls sinnvoll. Alle Verfahren, die wir in der integrativen Rheumatologie anwenden, ersetzen die schulmedizinische Therapie nicht, sondern ergänzen sie.

Was halten Sie von Ingwer, grünem Tee, Granatapfel, Walnüssen oder Leinsamen?

Grundlagenstudien zeigten zwar entzündungshemmende Effekte für diese Nahrungsmittel, aber bei rheumatoider Arthritis konnte die Wirksamkeit bisher nicht belegt werden. Borretsch- und Nachtkerzenöl und Katzenkralle bewirkten milde Effekte. Die asiatische Wilfords Dreiflügelfrucht wirkt nach Studienlage gut, hat aber erhebliche Nebenwirkungen. Bei anderen chinesischen Kräutern rate ich zur Vorsicht - die Qualität der Arzneipflanzen ist oft nicht gesichert.

Sie empfehlen Rheumatikern die Blutegeltherapie – warum?

Die Blutegeltherapie gehört zu den erweiterten Naturheilverfahren. Die Datenlage dafür ist sehr gut. Werden vier bis sechs Blutegel für etwa eine Stunde auf ein betroffenes Gelenk gesetzt, hält die Schmerzlinderung zwischen drei und sechs Monaten an. Für Kniegelenksarthrose gibt es auch sehr gute Erfahrungen mit der traditionellen indischen Medizin. So schnitt Ayurveda besser ab als herkömmliche europäische Therapien. Aber wir müssen das noch vorsichtig betrachten. Ich bin sicher, in Zukunft wird es noch die eine oder andere Überraschung geben.

Foto: ©Dagmar Möbius

Professor Andreas Michalsen ist Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin. #Gesundheit #Lebensmittel