4.640 Frauen erkrankten im Jahr 2012 an Gebärmutterhalskrebs. 1.617 verstarben im gleichen Jahr daran. Weltweit ist das Zervixkarzinom die dritthäufigste Erkrankung bei Frauen, in Deutschland die elfthäufigste. Die regelmäßig vom Robert Koch Institut veröffentlichten Daten belegen zwar einen deutlichen Rückgang der Neuerkrankungen in den letzten drei Jahrzehnten, doch finden sich bei jungen Frauen häufig abklärungsbedürftige Zellveränderungen, in vielen Fällen Krebsvorstufen. Seit 1971 erstatten die Gesetzlichen Krankenkassen Frauen ab dem 20. Lebensjahr einmal jährlich eine zytologische Untersuchung zur Früherkennung.

 

„Gebärmutterhalskrebs ist zwar gefährlich, aber wie kaum eine andere Krebsart verhinderbar“, sagt Dr. med. Philipp Wilhelm, Frauenarzt im baden-württembergischen Schönaich. Er gehört zu einer Expertengruppe, die heute in Berlin mit der Initiative „Gebärmutterhalskrebs verhindern!“ an die Öffentlichkeit ging. Hauptkritikpunkt der Mediziner ist der vom Gemeinsamen Bundesauschuss im März 2015 beschlossene Plan. Danach sollen „in einem riesigen Feldversuch über sechs Jahre zwei Vorsorgeverfahren“ miteinander verglichen werden. Welche Methode erfolgreicher ist, soll anschließend, frühestens 2022, als Standard der Früherkennung eingeführt werden. Allein die Einladungskosten für das neue Modell werden auf 66 Millionen Euro geschätzt. Jährlich.

 

Nach jetzigem Stand müssen sich Frauen ab 30 Jahren künftig entscheiden: entweder sie lassen wie bisher auf Kassenkosten jährlich einen Gebärmutterhalsabstrich (den so genannten PAP-Abstrich) abnehmen und auf Zellveränderungen untersuchen oder sie entscheiden sich für einen HPV-Nachweis alle fünf Jahre. HPV steht für Humane Papillomviren. Diese gelten als Haupterkrankungsursache. 70 Prozent aller Frauen und Männer infizieren sich im Lauf ihres Lebens damit. In der öffentlichen Diskussion, unter anderem durch die 2007 von der Ständigen Impfkommission empfohlene HPV-Impfung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren, bleibt jedoch häufig unerwähnt, dass auch andere Ursachen zu einem Zervixkarzinom führen können. Der Kölner Pathologe Professor Henrik Griesser kritisiert: „Die vorgesehene Testphase entspricht nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Zudem setzt sie setzt einen unrealistisch hohen Wissensstand bei den Frauen voraus.“

 

Die Mitglieder der Initiative haben einen 10-Punkte-Forderungskatalog aufgestellt, den sie ab sofort konstruktiv diskutieren wollen. Dr. Sven Tiews leitet die wissenschaftliche Abteilung eines zytopathologischen Labors in Soest. „Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile. Wir halten sie jedoch für nicht vergleichbar“, sagt er. Die Testphase müsse wesentlich kürzer sein und alternative Untersuchungsverfahren müssten einbezogen werden. Die Experten monieren, dass eine Kombination aus beiden Testverfahren bisher nicht vorgesehen ist, obwohl Studien ergaben, dass so mehr Frauen mit auffälligen Befunden gefunden werden könnten. Ein künftiges Screening halten sie nur für sinnvoll, wenn es wesentlich mehr Teilnehmerinnen als momentan in Anspruch nehmen. Aktuell lassen sich nur etwas weniger als die Hälfte der 34 Millionen berechtigten Frauen auf die Früherkennungsuntersuchung auf Gebärmutterhalskrebs ein. Auch Rechtsfragen seien noch zu klären. Zudem sei bisher weder eine Ethikkommission involviert, noch das Robert-Koch-Institut als für die #Gesundheit der Bevölkerung zuständige, wissenschaftlich arbeitende „Obere Bundes­be­hörde im Geschäftsbereich des Bundes­ge­sund­heits­minis­te­riums“, mit im Boot.

 

Nicht zuletzt müsse auch die Ausbildung in der Frauenheilkunde verbessert werden. „Als Frauenarzt in der Klinik lernt man nicht, Abstriche abzunehmen“, nennt Dr. Markus Lütge, niedergelassener Gynäkologe in Salzgitter, ein Beispiel. Er betont: „Das Einzige, das mich interessiert, ist die Gesundheit der Frau.“ In zwei Wochen soll eine Website online gehen, auf der Mädchen und Frauen sowie Fachkreise alle nötigen Informationen finden.

 

Foto: ©Dagmar Möbius #Taylor Swift