Eine solche Stellenbeschreibung würde für Aufruhr sorgen. Arbeitszeit: 24 Stunden an sieben Tagen der Woche und jedem Tag des Jahres. Durchschnittlicher Stundenlohn: 1,57 Euro. Persönliche Voraussetzungen: Marathonläufer, Kickboxer, Selbstverteidigung, 20-Kämpfer. Qualifikation: Medizin. Abschlüsse in: Heilpädagogik, Lehramt, Sozialpädagogik, Traumapädagogik, Sozialrecht. Strukturelle Voraussetzungen: „Wildgehege“, Leidenschaft, Chaos und Frustrationstoleranz, Humor und Flexibilität.

Entwarnung: die Anzeige für eine Pflegemutter ist fiktiv. Dr. med. Heike Hoff-Emden hat sie beim Jahreskongress des Verbandes der Drogen- und Suchthilfe in Werder/Havel zur Diskussion gestellt. Die Kinderärztin arbeitet im Sozialpädiatrischen Zentrum Leipzig. Mit ihrem Team betreut sie entwicklungsgestörte und behinderte Kinder, die jüngsten sind erst wenige Monate jung. Gemeinsam haben sie eine Diagnose: FASD. Der medizinische Begriff steht für Fetal Alcohol Spektrum Disorder – Fetale Alkohol SpektrumsStörung und fasst zusammen, was bereits ein geringer Alkoholkonsum in der Schwangerschaft anrichten kann.

 

Schätzungsweise 4.000 Kinder werden jährlich mit alkoholbedingten Schädigungen geboren. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Wissenschaftler gehen davon aus, dass in Deutschland 280.000 Kinder und Jugendliche betroffen sind. Da sich FASD jedoch nicht „auswächst“, werden 1,5 Millionen Menschen aller Altersgruppen angenommen. Minderwuchs, Untergewicht und markant-veränderte Gesichter weisen auf das Syndrom hin, aber auch eine verzögerte geistige und motorische Entwicklung, Verhaltensstörungen, Organ- und Skelettfehlbildungen.

 

80 bis 90 Prozent der FASD-Kinder leben in Pflegefamilien oder Heimen. Viele von ihnen haben Misshandlungserfahrungen. Sie fordern ihre Betreuer rund um die Uhr heraus. Dr. Heike Hoff-Emden vergleicht die Situation mit einem „Hardware- und Softwareschaden“. Die Kinder sind beispielsweise extrem stressanfällig, können Ursache und Wirkung schlecht einschätzen, sich Gelerntes nicht merken und reagieren häufig mit Wutanfällen. „Zwar verfügen einige über besondere Begabungen, aber die Eltern müssen im Alltag immer wieder das Gleiche erzählen.“ Therapien sind über das gesamte Leben notwendig.

 

FASD ist die häufigste Behinderung, die zu 100 Prozent vermeidbar ist, betont die Kinderärztin. Aber: Acht von zehn Frauen trinken während der Schwangerschaft Alkohol. Keineswegs nur in Suchtfamilien. „Wir wissen, dass Frauen der Mittel- und Oberschicht in der Schwangerschaft mehr Alkohol trinken“, so Hoff-Emden. Auch wenn Cannabis-Konsum bei werdenden Müttern im Tiermodell (!) keine Schäden verursachte, warnen Ärzte vor solchen Gewohnheiten. „Alkohol in Verbindung mit Cannabis aber ist der Supergau in der Schwangerschaft.“ Null Promille in der Schwangerschaft als Lifestyle zu etablieren, wünschen sich daher alle in der Suchthilfe Tätigen.

 

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, hat „Suchtbelastete Eltern und ihre Kinder“ zum Jahresthema 2017 erklärt. Noch mehr passgenaue Hilfen und ein bisher fehlendes Lotsensystem sollen dafür sorgen, ganze Familien aus dem Sucht-Teufelskreis zu holen. Auch wenn sich alle Akteure (bei deutlichen reduzierten Budgets) große Mühe geben, reichten die bisherigen Strukturen nicht aus. „Wir haben kein Wissensproblem mehr, sondern es fehlt an entschiedener Umsetzung, was notwendig und sinnvoll ist“, fasste Serdar Saris, 1. Vorsitzender des Fachverbandes Drogen- und Suchthilfe, zusammen.

 

Foto: ©Dagmar Möbius #Gesundheit