So also sieht eine echte Raucherlunge aus. Plastiniert und unter Glas. Sie ist eins von 200 Exponaten und 35 Körpern der Ausstellung „Real Bodies“, die ab heute für drei Monate in Dresden zu sehen ist. Zehn Tage waren für den Aufbau im Sarrasani Trocadero Theater, in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs, nötig. Zuvor in Lissabon faszinierte die Exposition nach Angaben des Veranstalters 200.000 Besucher. Dass sie nun ausgerechnet in der sächsischen Landeshauptstadt Deutschlandpremiere hat, freut Direktor André Sarrasani. Seine kleine Zeltstadt ist längst mehr als Zirkus und Varieté. Er findet die größte weltweit tourende Schau spektakulär. „Und ein wichtiger Schritt, dass Dresden attraktiv bleibt, gerade angesichts der den #PEGIDA-Demonstrationen zugeschriebenen Verlusten im Tourismus.“

Entwickelt wurde die Ausstellung von italienischen Wissenschaftlern in Kooperation mit der Universität Padua. Sie lädt ein, den menschlichen Körper zu entdecken. Wie funktioniert der Mensch? Wie sehen gesunde Organe aus und was unterscheidet sie von kranken? „Bei uns liest niemand Zeitung am Tisch“, sagt Event-Manager Peter Kral und betont den anatomischen Anspruch. „Real Bodies“ versteht sich nicht als Kunstausstellung. Es zählen Funktionalität und Fakten. Kuratorin Laura Navarro Alegria hat schon Vierjährigen die Exponate erklärt. „Ganz normal“ finden die das, wenn man vernünftig mit ihnen spricht. Trotzdem dürfen Kinder nur in Begleitung Erwachsener hinein. Auch sonst gelten einige Regeln. Aus Respekt vor den Toten, die ihre Körper der Wissenschaft freiwillig zur Verfügung stellten, dürfen beispielsweise keine Selfies gemacht werden.

Wer „Körperwelten“ gesehen hat, findet dennoch Parallelen. Die Räume sind, beginnend mit dem Skelettsystem, in acht Abteilungen für je ein Körpersystem gegliedert. Die in drei unterschiedlichen Arten plastinierten Körper stehen frei, die Organe liegen in Vitrinen. Die Beschriftungen in Deutsch und Englisch sprechen verschiedene Kenntnisstufen an: vom Kind bis zum Doktor. Lernen kann jeder etwas. Schon gewusst, dass der Kaumuskel der stärkste Muskel im Körper ist? Oder dass schon sechs Monate Training Erinnerungsvermögen, Entscheidungskraft und Aufmerksamkeitsspanne um bis zu 15 bis 20 Prozent verbessern können?

Mit Medizinstudierenden diskutiert Biologin Navarro gern über krankhafte Veränderungen. „Dieser alte Mensch hat so ziemlich alles gehabt: Atemprobleme, kaputte Nieren, ein Aneurysma und Krebs“, demonstriert sie. In der nächsten Abteilung kann man sehen, wie eine durch Hepatitis oder Krebs veränderte Leber aussieht. An den Körpern ist alles echt. Fast alles. Augen und die weibliche Brust lassen sich nicht plastinieren. Sie sind künstlich. Auf ein ganz besonderes Exponat weist die Italienerin hin: Föten von eineiigen Zwillingen, die natürlich starben.  

Wer alles in Ruhe anschauen und lesen will, braucht Stunden. Medizinstudierende und andere Interessierte können an Monitoren ihr Wissen über Muskelsystem, Verdauungssystem, Kreislaufsystem, kurz die ganze „Maschine Mensch“ überprüfen. Zurück zur Raucherlunge. Die kommt fast zum Schluss. Wer von der durch Teer und Nikotin entstandenen dunklen Pigmentierung so geschockt ist, dass er oder sie nie wieder rauchen will, kann die Zigaretten gleich an Ort und Stelle in eine leere Glasvitrine entsorgen.

Fußballer, Bogenschütze, Tänzerin, Kampfsportler und Bodybuilder animieren am Endes des Rundgangs zu mehr Aktion. Denn: „Bewegungsfaule Menschen nutzen weniger als zehn Prozent ihrer Muskelkraft.“ Ein bisschen schlechtes Gewissen darf sich also einstellen. „Wir fordern zur Vorbeugung auf, im Bemühen, das Leben und psychophysische Wohlbefinden eines jeden zu verbessern“, fasst Dr. Antonello Cirnelli wissenschaftlicher Berater der Ausstellung, forensischer Pathologe und Spezialist für Rechtsmedizin, zusammen.

Fotos: ©Dagmar Möbius #Gesundheit #Sport