Ein milder Novemberabend und die Arena Treptow begrüßen die Fans des schwedischen Elektropop-Duos "The Knife". Um die dreitausend Leute schlendern über die Spree und keiner scheint sich Gedanken zu machen, dass das Konzert von den Geschwistern Karin und Olof Drejer schon angefangen haben könnte. Keine kreischenden, fiebernden Fans sind wir und die Schlange vor der Arena segelt nach vorne, kühl und kunstvoll wie das schwedische Elektropop-Duo selbst.

Irgendwann drin werden wir verstehen (wer es noch nicht wusste), dass The Knife weder ein Duo sind (eher ein Quartett), noch dass sie fortbestehen werden. Neun zusätzliche Mitwirkende haben sich die Drejers geholt und das soll eine Abschiedstour sein, munkelt man zwischen überteuerten Plastikbechern mit Getränken. Hoffnung, die kreativen Köpfe hinter der Generationshymne Pass This On und der Dancefloor-BurnerHeartbeats zu behalten, besteht durch das Soloprojekt Fever Rayvon Karin Drejer Andersson und durch die DJ-Auftritte des Wahlberliners Olaf Drejer aka Oni Ayhun, die nur in Klubs mit einem Line-Up von gleichermaßen Frauen und Männern stattfinden.

Eine Vorband fehlt. Dafür feuert eine große, blonde Tänzerin das Publikum an, mit einer Mischung aus Deep Aerobics und politischen Slogans. Ich bin keine Frau / Ich bin kein Mann / Ich bin beides / Ich bin keins/ Free your Body/. Das Bühnenbild besteht aus einer   in Silberfolie umwickelten Treppe und als The Knife herein schweben, steht ganz oben am DJ-Pult vermutlich Olaf Drejer. Vermutlich, man kann es keineswegs genau sagen. Alle auf der Bühne tragen eine Fusion aus Space-Overalls und Jumpsuits in glitzerndem Himmelblau, die natürliche Geschlechtsmerkmale verbergen, und Konstruktionen von Glitzerschminke, die jedes Gesicht wie das nächste aussehen lassen. Viele der neun Tänzer scheinen auch zu singen und das Publikum reckt den Nacken und steht auf Zehenspitzen. Wo ist Krain? Und ist das da oben Olof, oder doch hier unten? Oder da links?

Die Unidentifizierbarkeit der Geschwister verwirrt bis hin zur Irritation. Es ist aber nichts Neues bei The Knife. In ihren Videos wie auf vergangenen Touren verbargen sie ihre Gesichter hinter Vogelmasken. Im Zeitalter der Stars und der von Stars verkauften Konsumgüter braucht das Publikum einen Autor, den es verehren und bezahlen kann, das wird bei all dem Nackenrecken allzu deutlich. Dagegen arbeitet die Shaking the Habitual Tour, vielleicht das ganze Konzept von The Knife. Das Publikum erwartet eine Dekonstruktion von Identitäten und patriarchalischen Strukturen im Showformat, die mit jeder Verwirrung unsere moderne feste Verankerung erleuchtet. Gegen diese Verankerung kommt die mittelalterliche Auffassung von der überragenden Bedeutung eines Kunststückes und der gänzlichen Unwichtigkeit des Autors hier glitzernd, ruckelnd und kreischend zur Geltung. Die Kunststücke – rollenverkehrtes Tango, bei welchem die Frauen die Männer nach hinten legen; Karin, die gegen Monogamie und Kernfamilie singt; gleichgeschlechtliche Küsse und die Bewegungen der Tänzer, eine Mischung aus Popping (roboterhaftes Ruckeln), Voguing und tribalistische Zuckungen – sprechen von Freiheit, Kapitalismusüberwindung und Heidentum.

Dafür dass es ein Abschiedstour ist, wird „Gemeinschaft“ bei der The Knife-Show sehr groß geschrie(be)n. Es ist nicht nur das Verfließen der Identitäten und Geschlechter. Der Klang macht es – urige, Deep Technound Elektro Rhythmen, die in unserer Party-Kultur längst die Lagerfeuertrommel abgelöst haben; die düstere, elektronisch bearbeitete Stimme Karins sowie das spärliche, blinkende Discolicht, geben jedem Freiraum zum Bewegen und Fantasieren, bilden gleichzeitig Gemeinschaft im Dunkeln. Nach dem vorzeitigen Ende geben sich alle im Saal enger miteinander verbunden.

Dennoch, wie kapitalistisch ist es nach nur einer Stunde Spielzeit zu verschwinden, fragt sich mancher. Das Publikum bekommt durch den fortbestehenden, sägenden Klängen eines DJ-Sets auch keine Stimme. The Knife lassen uns in den Händen einer ihrer weiblichen DJs mit einem gewissen letzten Lied. Pass This On, eben.

Ich werde es weitergeben. Ich bin bereichert. 

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