Wer Contact Sheets nicht kennt, kann sich darunter eine Vorschau der gesamten Filmrolle, komprimiert auf ein Blatt, vorstellen. Die Negative eines Films werden zerschnitten, auf einem Papierbogen aufgelegt, und einmalig belichtet. Anhand dieses Bogens von Positiven entscheiden Fotograf und Editorial, welche Bilder verwendet werden. Contact Sheets gewähren uns also nicht nur einen intensiven Einblick in die Auswahl, den Ausschnitt und die Bearbeitung der Fotografien. Als Kollektiv zeigen sie uns auch die Geschichte des Moments, seine Auswirkung und sein Vorhergehen. "Everything is written down - whatever has surprised us, what we've caught in flight, what we've missed, what has disappeared, or an event that develops until it becomes an image that is sheer jubilation.", so Henri Cartier-Bresson.

Die Worte "sheer jubilation" sind durchaus angebracht. Der Besucher sieht Robert Capas Aufnahmen der D-Day Landung von Amerikanischen Truppen in Omaha Beach 1944, Josef Koudelkas Bilder der Invasion der Tschechoslowakei während des Prager Frühlings 1968.

Stuart Franklins Bild des Protestanten, der sich am Morgen des 5. Julis 1989 vor die Panzer am Tiananmen Square in Peking stellt, wird durch die Betrachtung des Contact Sheets noch skurriler, aber das Bild öffnet sich gleichzeitig. Die Willkürlichkeit des Moments ist plötzlich greifbar. Richard Nixons ikonischer Finger, der sich in Chruschtschows Brust bohrt und später zum Wahlplakat wird, zeigt dagegen auf der anderen Seite die Konstruktion der Bilder. Die davongehenden Momente zeigen Chruschtschow und Nixon scherzend und lächelnd.

"Visual History" wird die Selektion von der Istanbul Modern genannt und man will ihnen zustimmen. Die Ausstellung beinhaltet auch einige der ikonischen Bilder der Portraitfotografie. Philippe Halsmans Bilder seines guten Freunden Salvador Dali, René Burris Portrait Che Guevaras, aufgenommen während eines Interviews 1963, Martin Luther King, fotografiert von Leonard Freed, nach dem Erhalt des Nobel Preises 1964, die Beetles in den Abbey Road Studios, festgehalten von David Hurn.

Nichtsdestotrotz verwundert die konsequente Postulierung der analogen Fotografie als "method of photography now lost to the development of digital technology", wie Oya Eczacıbaşı, Vorsitzende der Istanbul Modern bei der offiziellen Pressekonferenz zur Eröffnung der Veranstaltung, ohne auf heute existierenden und ernstzunehmenden Strömungen der analogen Fotografie einzugehen. Dagegen sprechen auch mehrere, in der Ausstellung enthaltene Bilder der 90er und 00er Jahre: Thomas Hoepkers Aufnahme von jungen Menschen in East River, New York, am Morgen des 11. Septembers 2001 zum Beispiel.

Die Ausstellung will keine Kontroverse über Selektion und Entstehung von zeitprägenden Fotografien führen. Viel mehr will sie Geschichte zeigen. Etwas, dass ihr sehr eindrucksvoll gelingt.

"Magnum - Contact Sheets" ist noch bis zum 2. August 2015 in der Istanbul Modern zu sehen.

Quelle: www.istanbulmodern.com

Bild: www.pixelio.de #Kunst