Anlässlich der Ausstellungseröffnung am 18. März besuchte der chinesische bildende Künstler Ren Hang zum zweiten Mal Wien. Bereits letztes Jahr, im Sommer, schoss er gemeinsam mit Künstler und Kurator Bogomir Doringer eine Photoserie für das Vice-Magazin, nachdem er an der zweiteiligen Ausstellung "FACELESS" im Museumsquartier, teilgenommen hatte. Fokus jener Ausstellung war das neue Phänomen der wachsenden Gesichtslosigkeit durch die vielseitigen Präsentationsmöglichkeiten im Web 2.0. In Hangs eigenem Oeuvre werden weniger Gesichter thematisiert, vielmehr steht der ganze, nackte Körper im Vordergrund.

Der erst 28-jährige Shootingstar aus der nordöstlichen Provinz Jilin präsentiert seine Modelle in starken Posen, mit klaren und direkten Blicken in die Kamera, vorrangig unbedeckt. Das Besondere ist jedoch, dass er es geschafft hat, nicht in den Bereich der Pornographie zu rutschen. Im Gegensatz zu seinem Heimatland, wo er ständig mit Zensur zu kämpfen hat, wird sein Schaffen hier nicht als anrüchig bewertet.

Sexualität ist für ihn ein Bestandteil des Alltags, wie essen und schlafen, und daher nicht als ein Grundmotiv seiner Bilder zu sehen, sondern eher ein Nebeneffekt des ersten Blickes auf freie Körper. Hang agiert spontan, er arrangiert das, was sich vor seinem inneren Auge auftut und drückt auf den Auslöser, ohne ein eindeutiges Ziel. Gerade damit erzeugt er Aufnahmen seiner essenziellen Momente mit seinen engsten Mitmenschen, welche er mit seinem Publikum teilt.

Das amerikanische Hype-Magazin Vice hat Ren Hangs Talent bereits vor zwei Jahren entdeckt und seine Beweggründe und Arbeitsweise genauer unter die Lupe genommen. Mit simplen, sehr direkten Antworten reagiert er etwa auf Fragen der Nacktheit in seinem Werk. Für Hang ist es der natürlichste menschliche Zustand, eben so, wie man auf die Welt kommt. Nur auf diese Art ist es ihm möglich, einen authentischen Blick hinter die Fassaden werfen zu können, um die echte Existenz seiner Modelle zu spüren. Diese sind mehrheitlich enge Freunde oder Bekannte, da gegenseitiges Vertrauen für diese intimen Portraits eine Basis bildet. Außerdem erzeugt das entspannte Verhältnis der beiden Pole einen ruhigen Zustand beim Künstler, wodurch seine Bilder automatisch entsexualisiert werden. Hang sieht die Körper als lebendige Skulpturen, die er in Szene setzt. Ebenso bedient er sich diverser Requisiten, die er gekonnt neben oder vor Körperteilen inszeniert, so bilden in einem Bild etwa acht Frauenhände eine fremdartige Struktur die einen Genitalbereich überdeckt. Von Katzen bis Pfauen und langen Haaren, über dessen Enden etwa ein Kondom gestülpt wird.

Ren Hangs analoge Fotografien erzählen von menschlichen Emotionen, von Beziehungen und Freundschaften, genauso wie von Angst und Einsamkeit. Junge Frauen und Männer, nackt in mal verletzlichen, mal expliziten Posen, immer in einer aktiven Rolle, hieß es in der Ankündigung der von Raphaele Godin und Rebekka Reuter kuratierten Schau.

Noch bis 19. Juni 2015, Galerie Ostlicht.
#Kunst #Schönheit