Es ist schlimm, wie ein Film über das Jahr 1992 eine solche Aktualität haben kann. Alles begann am 22. August 1992, erreichte seinen Höhepunkt in einem Feuerinferno am 24. August 1992 und endete zwei Tage später mit einem Totalschaden für Deutschland. Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen ereignete sich eine unvorstellbare Ausschreitung gegen ein Wohnheim bzw. Aufnahmestelle für Ausländer. Tatort war das sogenannte „Sonnenblumenhaus“, einem Neubau mit gezeichneten Sonnenblumen an der Hauswand. Unter den Augen von tausenden applaudierenden Zuschauern, darunter sogar Kinder, attackierten rechtsextreme Randalierer und normale Bürger das Ausländerwohnheim mit Molotowcocktails. In dem brennenden Haus waren die Menschen sich selbst überlassen.

Fremdenhass in der Einöde von Rostock

Burhan Qurbani hatte genau diese Geschehnisse und Dokumente in seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ neu erzählt. Der Film behandelt chronologisch den 24. August 1992, der Tag, wo sich der schwere Brandanschlag auf das Sonnenblumenhaus ereignete. Es ist ein so wichtiger und unbequemer Film, gerade auch im Hinblick der aktuellen Flüchtlingsdebatte mit erneuten Übergriffen, zum Beispiel in Brandenburg an der Havel, Dresden Stetzsch oder Greitz in Thüringen. Erst vor einer Woche demonstrierte die NPD wieder gegen Asylbewerber durch Dresden. Es kam zu Ausschreitungen. Wieder einmal. Es sind hässliche Bilder. Der Film zeigt diese hässlichen Bilder ebenso. Die Aktualität ist erschreckend. Qurbani fängt seine Geschichte mit gelangweilten Jugendlichen an, die in den Nächten von Rostock harren, um gegen Ausländer zu randalieren. Es sind fast drei Jahre nach der Wende. Viele Menschen hatten in Rostock ihren Job verloren. Nicht nur da. Es war ein gefährlicher schmaler Grat zwischen Verlust von Identität und der Flucht in eine Ideologie. Junge Menschen ohne Job und ohne eine sinnvolle Aufgabe.

Vietnamesen sollten im Wohnheim brennen

Höhepunkt ist – und das ist die unfassbare Nacherzählung einer wahren Begebenheit – der Übergriff auf das Sonnenblumenhaus. Das Leiden wird so greifbar nah, weil die Protagonistin Lien (gespielt von Tran Le Hong) mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin im Haus lebt. Ihre Geschichte erzählt der Film. Lien mag fiktiv sein, aber die Ablauf ist ähnlich dem, was damals das ZDF im Haus festhielt. Eine Reporterin, die damals weinend und vor Angst mit den Vietnamesen im brennenden Haus nur überleben wollte. Viele Menschen werden die „Kennzeichen D“-Sendung gesehen haben und sich noch daran erinnern können. Im Film werden immer wieder Original-ZDF Beiträge einblendet, wenn ein TV-Gerät läuft, zum Beispiel als die Anwohner die Nachrichten verfolgen. In dem Spielfilm wird zudem gezeigt, wie Rechte in das Haus eindrangen und ihren Aggressionen mit Zerstörungswut freien Lauf lassen. Das sind die verstörenden Szenen, die einem wirklich Angst machen.

Es wiederholt sich durch aktuelle Vorfälle

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ wühlt das Thema Ausländerhass auf und zeigt so eindringlich das moralische Versagen unserer Gesellschaft. Rostock, besonders der Küstenort Warnemünde, lebt heute vom Tourismus und ist eine offene, tolerante und sichere Stadt. Auch das muss hier erwähnt werden. Denn die Stadt bekommt durch diesen Film ein schändliches Image verpasst und bleibt seit 1992 irgendwie immer noch wie traumatisiert. Und dennoch: In den letzten Tagen wurde wieder Hetze gegen Flüchtlinge anderswo betrieben und sogar Brandsätze geworfen. Die wahre Geschichte von „Wir sind jung. Wir sind stark.“ scheint sich nach 23 Jahren leider zu wiederholen. Eine sehr gefährliche und beängstigende Entwicklung. Der Film kann das nicht verhindern, aber aufzeigen, wo das alles hinführen wird. Es nimmt kein gutes Ende.

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ ist auf DVD, Blu Ray und Video on Demand erhältlich. FSK 12, Produktion: Deutschland 2014

Fotos: Zorro Filmverleih, ZDF

Diese Themen zu Fremdenhass könnten auch interessant sein: 

Anschlag auf Linken-Politiker

Rechter Terror in Dresden #Kino