Spätestens nach Erscheinen des Buches "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" von Bronnie Ware, ist klar, dass man auch von Sterbenden etwas lernen kann.

Wir kennen es alle, ein guter Verwandter oder Bekannter stirbt und man stellt sich unvermeidlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Prioritäten werden überdacht und der Fokus richtet sich auf die Familie und diejenigen Menschen, die einem nahe stehen. Man nimmt sich vor, beruflich ein wenig kürzer zu treten und sein Leben mehr zu genießen. Aber nach relativ kurzer Zeit ist man wieder im Alltagstrott versunken und alle guten Vorsätze sind vergessen. Es scheint, als würde das Leben an zwei konträren Wertesystemen ausgerichtet, von denen eines nur in Krisenzeiten zum Vorschein kommt. Zurück bleibt das schale Gefühl des "Nichterfülltseins". Verzweifelt versucht man diese Lücke mit allerlei Lebenskonzepten zu füllen, Hauptsache positiv.

Doch alle Konzepte des positiven Denkens scheitern an der Tatsache, dass jeder Mensch einmal sterben muss und so erscheint der Eindruck des sinnlosen Lebens. War Tod und Sterben immer ein absolutes Tabuthema, scheint sich der Umgang mit diesem Thema zu lockern. Immer mehr Menschen beginnen die eigene Sterblichkeit in ihr Leben einzubeziehen und erfahren dadurch eine massive Verbesserung ihrer Lebensqualität. Paradoxerweise scheint die Beschäftigung mit dem Tod das Leben kostbarer zu machen. In der modernen Leistungsgesellschaft sind alle auf der Jagd nach knappen Gütern wie Geld, Gold, politische Stimmen und vieles mehr. Viele dieser knappen Güter sind künstlich verknappt. Die Beschäftigung mit der eigenen Vergänglichkeit lässt das Leben kostbarer erscheinen und verdeutlicht die Tatsache, dass es nicht ewig dauern wird.

Man sagt, das Leben lässt sich nur vorwärts leben und rückwärts beurteilen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, ist das Destillat aus der Reflektion aller Fehler und Erfolge am Lebensende lehrreicher, als so manche Momentaufnahme aus positiven Büchern. Was zählt, ist die Bereitschaft zuzuhören. Es kommt zu einer Umgewichtung der Lebensprioritäten und das Leben gewinnt an Tiefe. Die Wertschöpfung erfolgt nicht mehr durch das Umfeld, sondern aus sich selbst heraus. Vorausgesetzt natürlich, man hat den Mut sich mit seiner eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen.

Das Gespräch mit einem Menschen der nur mehr 3 Wochen zu leben hat, ist sicher prägender als jedes Buch über Zeitmanagement. Zeit wird zu einer unendlich kostbaren Substanz, die nicht mehr gedankenlos konsumiert, sondern genossen wird. Welchen Wert hat Authentizität? Welche Lebenszufriedenheit ist überhaupt zu erreichen, wenn der eigene Wert sich ausschließlich daran orientiert, wie die Beurteilung durch die Gesellschaft ausfällt?

Wir leben in einer Instantgesellschaft. Alles soll schnell und problemlos über die Bühne gehen. Erfolg, Schönheit, Leistung, ewige Jugend und Produktivität. Die dazugehörige dunkle Seite wie Krankheit, Misserfolg, Altern und Tod wird in den hintersten Winkel verbannt, damit sie ja nicht den Blick auf die erfolgreiche, junge und produktive Welt verstellt. Natürlich hat diese Einstellung auch ihren Preis. Psychopharmaka, Stress, Burnout, "Lebenssinn-Losigkeit" und das Gefühl, die Verbindung zu sich selbst verloren zu haben sind enorm im Steigen. Umso wichtiger sind die Lektionen, die sterbende Menschen an ihrem Lebensende vermitteln.

Die wichtigste Lektion von allen ist wahrscheinlich die Erkenntnis, dass "Glücklichsein" eine Frage der persönlichen Entscheidung ist. Es sind nicht die Umstände, auf die man sein ganzes Leben wartet um glücklich sein zu dürfen, sondern die Entscheidung, trotz aller Umstände glücklich zu sein. #Gesundheit