Egal, ob in der U-Bahn, im sexy Outfit vor dem Spiegel oder beim gemütlichen Zusammensein nach Feierabend. Das Selfie ist der beste Freund des modernen Menschen, und einer endlosen Dauerwerbesendung gleich, wird damit praktisch jeder Zeitpunkt des Tages durch mehr oder weniger sinnvolle Selbstporträts dokumentiert. Und diese sind meistens noch nicht einmal authentisch. Bevor das Bild der breiten Öffentlichkeit um die Ohren geworfen wird, verschönern verschiedene Fotofilter, die manchmal etwas weniger schmeichelhafte Realität. Schließlich will man so gut wie nur möglich aussehen, um den Jackpot an Likes zu knacken.

Homo Sapiens Narzissus

Wie so viele andere Trends ist auch dieser Hype aus den USA zu uns herübergeschwappt. Dort posten sämtliche Vertreter der A bis Z-Prominenz alles, was sich so in ihrem Leben tut. Und egal, wie belanglos die Bilder auch sind, kaum sind sie online, liken die Fans was das Zeug hält. Dass das dem Ego schmeichelt, ist verständlich. Ebenso nachvollziehbar ist, dass auch die "Normalsterblichen" von solch einer Aufmerksamkeit träumen. Denn sind wir mal ehrlich: Wem schmeichelt es nicht, wenn das Selfie von sich im neuen Outfit zahlreiche Likes erhält?

Volkskrankheit Selbstverliebtheit?

Der Kommunikationswissenschaftler Roland Burkart vom Institut für Publizistik an der Universität Wien meldete sich zu diesem Phänomen, in einem Artikel, in der Zeitschrift Wienerin zu Wort. Ihm zufolge, sei diese Selbstdarstellung fest im menschlichen Wesen verankert. Jeder brauche ab und zu dieses Feedback von anderen, zur Identitätsbestätigung. Dieses Feedback wird aber keinesfalls dem Zufall überlassen. Bevor das Selfie den Weg auf den Laufsteg findet, sind oft zahlreiche Versuche nötig, bis die Wallemähne richtig sitzt und der Schmollmund perfekt aussieht. Und genau das wird häufig von den Betrachtern dieser Bilder vergessen, die alles, was sie sehen, für bare Münze nehmen. Neid und Missgunst sind die Folge, Studien der Humboldt-Universität Berlin belegen, dass die zu häufige Nutzung dieser Online-Dienste sogar Frustrationen auslöst. Die sozialen Medien sind nun einmal ein hervorragender Spielplatz, um seinen Narzissmus auszuleben, eben weil es so einfach ist, unzählige Menschen zu erreichen. Dass Selfies nicht in allen Fällen einen negativen Beigeschmack haben, zeigt zum Beispiel die so genannte "Ice-Bucket Challenge", durch die horrende Summen an Spendengeldern für die ALS-Forschung gesammelt wurden. Ab und zu seinen inneren Narziss hervorzuholen, ist also nicht immer negativ.

Bild: Tina Leggio / Flickr.com [CC BY-NC-ND 2.0]