Ich bin einer dieser Studenten, die an den Wochenenden wieder zurück nach Hause fahren. Dort befinden sich dann die Freunde, die XBOX und natürlich Mama (inklusive Waschmaschine). Dadurch, dass ich diese Umgebung "zu Hause" nenne, impliziere ich, was meine kleine Einzimmerwohnung in meiner Studentenstadt für mich ist. Nicht mein zu Hause, sondern der Ort an dem ich versuche, mein Studium und meine Pflichten auf die Reihe zu bekommen. Ganz bewusst habe ich an diesem Ort beispielsweise auf meine Konsole verzichtet. Einen Fernseher habe ich ebenfalls nicht. Auch wenn das gemogelt ist, da ich mich sowieso zeitgemäß am meisten im #Internet belustigen lasse.

Nun war es eine Verkettung misslicher Umstände, die mich an einem Sonntag als ich aus meiner "Spaß-Zone" wieder in meine "Uni-Zone" zurückkehrte, in eine chaotische Woche stürzen ließen. Das Internet, es war einfach weg. Inzwischen war es schon dunkel geworden. Verzweifelt hatte ich alles versucht, was es an einem Modem so zu versuchen gibt. Ich merkte, dass es kein Fehler mit meinem Modem oder der Verbindung war, sondern dass ich kein Internet mehr haben werde und mir schon selbst welches besorgen müsse. Ich bekam beinahe Angst. Da stand ich nun allein in meinem Zimmer. Erschrocken von der ungekannten Stille, die auf einmal um mich herum herrschte. Kein Jan Böhmerman oder Kevin Spacy, der mir von meinem Laptop aus Gesellschaft leistete. Keine Spotify Playlist, welche ich sonst fast reflexartig beim Betreten der Wohnung angemacht hätte. Einfach nur Stille. Quälende Stille. Naja ganz ohne Internet war ich ja nicht, da war ja immer noch mein Handy. Doch ich bin sicher nicht der einzige Mensch in Deutschland, dessen Datenvolumen im Monat rasant schnell dahinschmilzt. Und so war auch mein Versuch, über mein Handy irgendeine Form des beschäftigenden Geräusches zu erzeugen zum Scheitern Verurteilt. Fred Feuerstein hätte wohl eine bessere Verbindung gehabt als ich.

Irgendwann setzte ich mich resigniert auf meine Couch. Was also nun anfangen mit mir? Neidisch blickte ich auf die ganzen möglichen Verbindungen meiner Nachbarn - diese Glückspilze. Ich saß nur da und fühlte mich wie der letzte Mohikaner in einer vom Internet dominierten Welt. Wie sollte diese Woche nur weiter gehen? Ich gaukelte mir vor, nun behindert zu sein in meiner Arbeit für die Uni, doch in Wirklichkeit wusste ich nicht einmal, wie ich einschlafen sollte. Sonst hatte mir doch mein Laptop fast schon mütterlich Geschichten erzählt oder mir ein Lied gesungen, bis mir die Augen zufielen. Ich faste den Plan, morgen einfach bei meinen Nachbarn zu klingeln und zu fragen, ob ich ihr Internet mit benutzen dürfte. Es war doch fast schon gemein, dass sie alle welches hatten und ich nicht. Eigentlich war es auch absurd, dass sie alle fleißig zahlten, und ich fragte mich, warum wir uns nicht generell die Kosten teilten. Ich fasste Hoffnung. Morgen ist der Spuk schon wieder vorbei. Für den Rest des Abends entschied ich mich etwas wieder in die Hand zu nehmen, was ich aus Freizeitgründen - obwohl oft von mir selbst gefordert - nur noch erschreckend selten in der Hand hielt. Ein Buch.

Aber das war nicht so einfach, viel stand in meinem mager bestückten Billy Regal nicht zur Auswahl. Hauptsächlich waren es Bücher, die ich mal geschenkt bekam, aber die wirklich interessanten davon, welche ich schon lange mal lesen wollte aber nie gelesen hatte, standen leider bei mir "zu Hause". Ich las also noch etwas, wenn auch ziemlich desinteressiert. Recht bald fand ich mich jedoch in meinem Bett wieder früher als sonst und eigentlich gut für den Start in die Woche. Ich schlief mit einem Lächeln über mein Verhalten und der sicheren Hoffnung, morgen wieder auf das Internet zugreifen zu können, ein.

Neue Erfahrungen.

Überraschend fit erwachte ich. Es war ein Novum, ich schaffte es pünktlich zur montäglichen 8Uhr Vorlesung. Mitleidig erzählte ich meinen Kommilitonen von meinem tragischen Sonntagabend und teilte ihnen meinen genialen Plan mit, um das Problem zu lösen. In weiser Weitsicht lud ich mir noch ein paar Texte für die nächsten Uni Tage herunter. Zuhause angekommen wollte ich voller Enthusiasmus meinen Plan in die Tat umsetzten. Mit gezücktem Portmonee, welches die Bereitschaft zeigen sollte, auch etwas zu bezahlen für den Netzwerkschlüssel des anderen, klingelte ich bei meinem direkten Nachbarn. Ob es vielleicht eine Nachbarin ist wusste ich nicht; ich hatte ihn/sie nie gesehen. Ich erwartete keinen großen Widerstand gegen meine fromme Bitte. Ich hielt es für selbstverständlich. Schließlich würde ich mein Internet auch teilen und dafür nicht einmal Geld verlangen. Doch soweit kam es erst gar nicht. Als ich nach mehrfachem Klingeln an verschiedenen Türen immer nur die verschlossene Tür und nichts als die Tür sah, zeigte sich mal wieder, dass die meiste Nachbarschaft sich dadurch auszeichnet, da zu sein wenn es stört und nicht da zu sein, wenn es angebracht und hilfreich wäre. Ich ging enttäuscht zurück in meine Wohnung. Und dann also doch! Als ich mich wieder gefangen hatte und meinen zweiten Versuch wagte, öffnete mir jemand. Dieser Jemand zählte zu der Gattung, welche bei einem Türgespräch vornehmlich nur den Kopf leicht aus der fest umfassten Tür streckt. Dieser jemand war weiblich.

Ich versuchte ihr, also meine missliche Lage möglichst nahe zu bringen und mit einem erwartungsvollen Lächeln mein Ziel zu erreichen. Sicher hörte sie heraus, dass ich es für selbstverständlich erachtete, was sie nun zu tun hätte. Nach etwas Hin und Her tat sie es auch und reichte es mir. Den heiligen Gral. Der Weg zurück ins mir Vertraute. Ihren Netzwerkschlüssel. Ebenfalls nach etwas Hin und Her einigten wir uns auf zunächst einmal 5 Euro als Gegenleistung. Freudig schritt ich zurück in meine Wohnung, doch wie der Titel dieser kleinen Geschichte es erahnen lässt, war der Weg ins gelobte Land nicht so einfach, wie erhofft. Obwohl ich vollen Empfang angezeigt bekam, unterbrach sich die Verbindung aus unerklärlichen Gründen immer wieder von selbst. Nun war bei mir ein Grad an Resignation und Wut erreicht, welcher nicht mehr mit Nikotin einzudämmen war. Es ist nun auch Zeit zu erwähnen, dass ich nicht viel von dem mir selbstverständlichen Internet verstehe. Ich konnte es mir einfach nicht erklären. Wieso klappte das denn nicht? Sollte ich meine 5 Euro zurück hohlen? Nochmals klingeln ? Ich entschied mich dagegen.

Stattdessen fuhr ich zurück zur Uni, da gab es ja schließlich Internet und ich konnte einen Freund treffen. Enttäuscht weihte ich ihn ein und sofort belehrte er mich bezüglich meiner Selbstverständlichkeit vom Internet teilen. Es sei in Deutschland nicht ganz klar, wer haftet, wenn ich mir beispielsweise Musik, Filme oder eine Bombenanleitung aus dem Internet über den Router eines anderen herunterlade. Na toll dachte ich mir und wechselte das Thema. Es war klar für heute brauche ich Beschäftigung. Wir sahen, dass es noch eine Spätvorlesung im großen Hörsaal der Uni gab. "Warum ich als Wissenschaftler an die Bibel glaube", war der vielversprechende Titel. Wir gingen also hinein. Die Veranstaltung war im vollem Gange und, was sich uns dort offenbarte, war großes Kino. Schnell war klar, dass ist keine Uni Veranstaltung, wir zählten zur Abwechslung mal zu den Jüngeren im Hörsaal und wie auch im deutschem Entertainment schien alles etwas amerikanisch kopiert. Fehlte nur noch, dass der ebenfalls betagte aber agile mit großen Zahlen jonglierende Mathematiker da vorne sich die Hemdärmel hochkrempelt. Lächelnd folgten wir den Ausführungen über den Himmel, die Hölle und die Beweisbarkeit der Bibel durch die Mathematik. Wir blieben bis zum Schluss hörten uns auch noch die späteren Gespräche vorn am Rednerpult an. Es ging heiß her über Homosexuelle, die Schöpfung usw. - aber dies ist ein anderes Thema. Wir diskutierten noch lange mit einem sehr gläubigen Freund von uns über all das, was uns gerade widerfahren war. Ich kehrte müde und ausgelassen in meine Wohnung zurück. Das Schlafen fiel mir nicht schwer, viel anderes hatte ich nicht zu tun und der Tag war ein runder. Wieder schlief ich mit einem Lächeln ein. Dieses Erlebnis wäre wohl normalerweise an mir vorübergegangen, aber Morgen muss ich mich um Internet bemühen.

Alleine sein.

Ich wachte auf. Zufrieden - wenn auch etwas zu spät. Daher klingelte ich gar nicht erst bei den Nachbarn und generell hatte mir das alles zu denken gegeben. Heute werde ich nicht so ein Glück haben und in nicht gekannte Welten der geistigen Suche eintauchen können. Heute ist so ein Tag, da hat keiner Zeit. Nach der Uni blieb ich noch in der Bibliothek, welche mit Internet ausgestattet ist. Ich surfte etwas, schrieb und arbeitete erstaunlicherweise effektiv für die Uni. Ich hatte auch keine Kopfhörer dabei, also blieb mir aufgrund der allen bewussten Bibliotheksregeln wieder nichts als Stille, aber das war okay. Ich musste mich für den Abend vorbereiten und so suchte ich nach geeignetem Lesestoff. Universitätsbibliotheken sind nicht gerade bekannt für Unterhaltungsromane, aber das ist eh nicht so mein Ding. Ich wilderte in den verschiedenen Fachbereichen und kam mit einem Sammelsurium aus Wirtschaftsethik, Philosophie und Europa zurück. Heute gefiel ich mir in der Rolle des Intellektuellen, der nur sich und sein Buch besaß und das Bedürfnis nach dem Internet war nicht mehr groß. Ich machte auch keine erneute Klingelrunde, sondern ergab mich meinem Schicksal. Das Lesen gefiel mir wieder.

Vor allem hörte ich gespannt den Gedanken der Philosophen zu. Dazu sei gesagt, dass ich und die Stille immer noch keine großen Freunde geworden waren und so las ich mir selbst laut vor. So ging es noch bis spät in die Nacht. Ich war schon irgendwie stolz auf mich. Irgendwie fand ich einen Weg und gleichzeitig war es wieder absurd, dass es so viel Anstrengung bedarf, mal ohne ständige Beschallung zu leben. Stille ist unwirklich und neutral. Sie macht einem Angst. Schon immer versuchten wir, ihr zu entfliehen. Ob durch Gesellschaft, Fernsehen, Musik (egal ob Geige oder I-Pod) oder halt die Weiten des World Wide Webs. Auch ich ließ meine alte verstaubte Gitarre wieder das Licht der Welt erblicken. Allen, die zur Entspannung an entlegene Orte mit ihrem Partner fahren, um Ruhe vor dem Lärm unserer Zeit zu haben, sei gesagt: Stille erfahren wir nur mit uns allein und nur so beginnen wir wieder, uns selbst zu hören. Ich merkte, dass ich viel mehr nachdachte vor allem über mich. Als das mit dem lächelnden Einschlafen mal wieder auf dem Plan stand, merkte ich, dass ich wieder einschlafen konnte. Ich hatte mit dem Schlaf schon so oft eiserne Gefechte geführt. Mir wurde klar, dass ich nicht bis spät in die Nacht am Laptop hing, um Schlaf zu finden, sondern um mich solange zu ermüden bis mein Körper irgendwann die Reißleine zieht. Ich war immer bis spät in die Nacht wach geblieben und habe mir gewünscht einzuschlafen gerade weil ich am Laptop war - und nun? Nun lernte ich das befreit Einschlafen neu. Ich stellte mich meinen nächtlichen Gedanken und fand Ruhe - die Stille war ja eh da.

Ich weiß bei Leibe keine große Erkenntnis, aber für mich bedeutsam genug das besagte Lächeln auf den Lippen zu tragen, währen ich die Augen schloss. Man sollte zweistellig einschlafen und einstellig erwachen.

Es reicht!

Auf die Sonne folgt der Regen. Euphorie weicht Ernüchterung. Es ist der vierte Tag angebrochen. Heute geht gar nichts. Absurd es zu sagen, aber der sonst so oft im Bett verbrachte uni freie Mittwoch ließ meine tollen Erkenntnisse und absehbaren Lobpreisung auf die Freiheit vor dem Internet, ins Wanken bringen. Ich hatte keine Lust mehr. Keine Lust zu lesen. Keine Lust in die Bibliothek zu fahren. Keine Lust auf die Stille. Es reichte mir einfach. Warum nicht endlich mal entspannen und sich alleine dem Sinnlosem hingeben. Ich lag viel im Bett drehte und wendete mich. Fuhr zur Uni kehrte wieder um und fuhr zurück.

Meine einzige Rettung war ein verabredetes Treffen mit einem Freund um 17 Uhr. Diesem Treffen fieberte ich nun fast schon krankhaft entgegen. Um 20 Uhr war dieses Event des Tages allerdings schon wieder vorbei und fast schon ängstlich beschritt ich den Weg zu mir. Mit Erstaunen sah ich das Licht im Fenster neben mir und ich klingelte, noch bevor ich meine Tür öffnete, nebenan. Ein junges, zierliches Mädchen öffnete schließlich etwas verplant die Tür. Ich trug ihr mein Anliegen vor, doch sie unterbrach mich. Sie habe derzeit kein Internet und sei erst gerade eingezogen. Doch sie stellte sich gleichzeitig mit auf den Flur. Scheinbar durchdrang sie selbiges Bedürfnis etwas zu tun und der Stille zu entfliehen. Wir unterhielten uns kurz, oder eher gesagt wurde ich ausgefragt und gleichzeitig Zuhörer einer äußerst kurzen aber prägnanten Zusammenfassung ihres Lebens. Schließlich ging ich in meine Wohnung zurück. W- Lan hatte ich immer noch nicht, aber zumindest kannte ich jetzt zwei meiner Nachbarn. Das ist verglichen mit dem vorherigen Stand eine Steigerung um 200 Prozent. Trotzdem war ich nicht wirklich zufrieden, ich wollte trotzdem endlich wieder passiv sein. Ich wollte nicht mehr Lesen müssen, um etwas zu denken und Gitarre versuchen zu spielen, um etwas zu hören. Ich wollte Passivität, aber dieser Wunsch schien schwer erreichbar. So zückte ich den Laptop und schrieb diese tragische Geschichte meiner 4 Tage ohne Internet.

Meist ist das geschriebene Schlauer als man selbst. Meist offenbart sich das in einem verborgene erst im Moment des Schreibens. Vielleicht ist es dieser Text und die damit verbundene Emotion, die mir gleich wieder ein Lächeln geben wird, wenn ich die Augen schließe und der Stille erneut kapituliere. Selten habe ich das Hämmern der Tastatur so bewusst wahrgenommen. All das hier soll nicht zu pathetisch, nicht zu gewollt wirken. Es geht nicht darum, das Internet als Geisel unseres Selbst anzuprangern. Ich weiß auch, ganz ohne war ich eh nicht, da war noch mein Handy mit dem Steinzeit Datenvolumen und die Universität war meine Methadonstelle. Lustig ist, dass mich vieles dieser vier Tage an meinen kläglichen Versuch, das Rauchen aufzugeben, erinnert. Geprägt von Aussetzern, von Euphorie und Ernüchterung von Ängsten und Unbehagen.

Morgen geht es nach der Universität zurück nach Hause. Zurück zum Internet, zum Fernsehen und zur Konsole. Vielleicht ist die Essenz, die ich hieraus gewinne, dass ich genau wie beim Rauchen einen bewussteren Umgang versuche und mitnehme, was ich erst erfahren musste und konnte. Ich werde sicherlich wieder für Internet sorgen, aber vielleicht anders umgehen - mit dem passiven Sein.

Bild: Wikipedia