Die polnisch-deutsche Verständigung muss heute immer noch auf verschiedenste Art und Weise wiederaufgebaut werden. Hundert Jahre zuvor war es ganz anders damit. Die deutschen Siedler in Russisch-#Polen (Weichseland) und ihre Nachfahren haben mit den polnischen Nachbarn ein Miteinander entwickelt, das den reichsdeutschen Chauvinisten das Wasser nahm. In der großen mittelpolnischen Industriestadt Łódź (Lodz, Lodsch) war die deutsche Minderheit der sächsischen, schlesischen und rheinländischen Abstammung ansässig. Diese Leute waren die Erben der Freunde und Helfer Polens im Frieden und im Krieg.

Der deutsch geprägte Manchester Polens

Deutsch ist meine beliebte Fremdsprache und Lodsch meine Heimat. Auch die deutschen Wurzel meiner Stadt sind mir nicht egal. Die Industriestadt Lodsch hatte den Deutschen fast ihre ganze Entwicklung zu verdanken, wenn nicht sogar immer mehr Werke, Mietskasernen, Läden usw., die von Polen und Juden betrieben wurden. Die Lodscher Juden waren übrigens in den meisten Fällen deutschsprachig - und diese stellten einen bedeutenden Teil der festen Bezieher der neuen Zeitung dar.

Die beste Zeitung der Lodzermenschen

Lodzermenschen nannten sie sich mit Stolz, weil sie ihre Stadt liebten und Schulter an Schulter nach vorn brachten. Dabei war Deutsch in vielen Bereichen ihre gemeinsame Sprache. 1902 wurde eine Zeitung gegründet, die diesen Geist- und Seelenzustand fast perfekt verkörpert hatte.

Die Lodscher Presselandschaft wurde seit 1863 durch Lodzer Zeitung beherrscht. Ihr Gründer Jan Petersilge war ein kluger Mann, doch zu konservativ. Einige jungen Journalisten aus seiner Redaktion hatten es satt. "Und doch bedurfte gerade auch das Zeitungswesen einer gründlichen Reorganisation sowohl in technischer Beziehung wie auch bezüglich des Nachrichtendienstes und der Heranziehung der federgewandten Journalisten." (Die Gründung der „Neuen Lodzer Zeitung“. Ihre Enstehung und Entwicklung, „Neue Lodzer Zeitung“, 15. Sept. 1927, S. 159 - wrzesień 1927; durch Bibliothek der Lodzer Unversität gescannt)

Hatte jemand in Lodsch eine wirklich gute Idee gehabt, dann war das nötige Kapital bald vorhanden und diese jungen Lodzermenschen haben alles sehr schnell bekommen. Das Ministerium in Petersburg erteilte die Konzession, weil mehr Unternehmen in Russisch-Polen auch mehr Steuer für das Zarenreich (und Schmiergelder, die seine Beamten erpressten) bedeuteten. Die Träume dieser jungen Journalisten, mit Alexis Drewing und Alexander Milker an der Spitze, wurden wahr. Sie konnten eine Tageszeitung gründen, die ein hohes Niveau und breites Spektrum hatte. Sie ist heute eine wahre Fundgrube an wertvollen Informationen für alle Forscher, nicht nur für die Lodscher Geschichte.

Zwischen den beiden Weltkriegen - niemand ist fehlerfrei

Der frühe Tod der beiden Verleger Drewing und Milker (1924) hat sich als eine Tragödie für ihr Werk erwiesen. Nach ihrem Tod konnten die Nachfolger das hohe Niveau nur teilweise aufrecht halten. Sie konnten nicht unparteiisch bleiben und die Inhalte der Neuen Lodzer Zeitung wurden zunehmend judenfeindlich geprägt. Es war allerdings eine Entwicklung in fast ganz Europa in der Zwischenkriegszeit, nicht nur durch wahllosen Hass gegen alle Juden, sondern auch andere verhängnisvolle Faktoren bedingt.

Die letzten Tage

Als Drohungen und Provokationen des Dritten Reiches gegen Polen immer deutlicher wurden, haben die Redakteure dieser einmaligen Zeitung ihren polnischen Patriotismus auf jede nur mögliche Art und Weise bewiesen. So wie die von den Sozialisten geführte „Volkszeitung” riefen sie im September 1939 zum Widerstand gegen verbrecherischen Angriff der Hakenkreuzler auf. Ihre weitere Schicksale sind unbekannt. Konnten solche Leute nicht rechtzeitig flüchten, kamen sie in der Regel bei der Gestapo quallvoll ums Leben. Das war auch das Schicksal der vielen Lodzerdeutschen. #Krieg