Wer heute etwas auf sich hält, redet von "Werten", während die Kanzlerin im rechtsfreien Raum regiert. Werte zu haben, sei gut heißt es, schlecht sei es, ohne sie zu leben. So die Überzeugung vieler, so die Selbsttäuschung aller. Aber was ist so trügerisch an diesem Gerede von Werten? Erstens gibt es keinen Menschen, der keine Werte hat. Auch kein Gemeinwesen. Die größten Diktatoren und die gefährlichsten Verbrecher leben aus Werten und für Werte. Und das Erstaunliche: Oft haben wir dieselben Werte wie sie. "Familie" ist für uns ein Wert, dennoch sind wir keine Mafiosi ("Mafia" = "Familie"). "Nation", "Heimat" und "Soziales" sind für sehr viele Menschen wichtige Werte, aber sie sind deshalb - hoffentlich - keine Nationalsozialisten.

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"Gerechtigkeit" halten wir sehr hoch und bestehen darauf, dass Justitia, die große Göttin der Gleichheit, weiterhin unbestechlich und fair eine Augenbinde trägt, auch wenn wir keine Kommunisten sind.

Werte sind eine Ausrede!

Zweitens enthält die Aussage, man habe Werte, nichts Besonderes. Er lullt uns zwar ein, aber man kann mit Werten und in ihrem Namen tun und lassen, was man will. Führen wir denn nicht Kriege, um Frieden zu schaffen? Schaffen wir mit unseren Interventionen nicht Unsicherheit in Ländern, wo wir vorgeblich Sicherheit und Ordnung herzustellen wollen? Und hat schließlich der Westen mit seinem Krieg nicht das Recht gebeugt, um Werte in Kosovo durchzusetzen? Dass dieser Krieg gegen das Völkerrecht gestoßen hat, wussten auch Henry Kissinger und Helmut Schmidt.

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Und alle Parteien auf dieser und jener Seite des Schlachtfeldes haben sich zu Werten bekannt. Kampf um Werte ist nichts anderes als Kampf um Macht. Odysseus wusste schon damals um die trügerischen Wohlklang der Sirenen.

Europa? Nur eine Rechtsgemeinschaft!

Gerade jetzt, in dieser krisenhaften Lage, befleißigen sich europäische Politiker darin, Europa noch lauter und beherzter als Wertegemeinschaft zu beschwören. Laut, fast schrill hört man sie in allen Medien. Aber sie vergessen eines: Europa als Gebilde ist eine Rechtsgemeinschaft. Mit Werten hat das nicht viel zu tun! Es ist richtig, dass Rechten Werte zugrunde liegen. Aber es ist das Recht, das morbiden und in allen Seiten dehnbaren Werten Sitzfleisch gibt und einen Sitz im Leben. Es ist das Recht, das bestimmt, was Recht ist und was unrecht, was zulässig und was verwerflich. Zugegeben: Es ist nicht gerade reizvoll, von Recht zu sprechen, es klingt hölzern. Werte sind da viel attraktiver, klingen besser und lassen selbst dauerbeschwipste Eurofanatiker wie EU-Chef Jean-Claude Juncker oder Martin Schulz (SPD) wie moralische Helden erscheinen. Aber es sind bloß hohle Worte. Wir leben in Zeiten, in denen wir endlich ehrlich sein müssen. Europa ist moralisch gescheitert und rechtlich dank Politikern wie Frau Merkel auf einer schiefen Bahn Richtung Desintegration und Zerfall. Es ist einfach nur noch traurig. #Martin Schulz #Jean-Claude Juncker #Europäische Union