Nach dem Brexit und der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten von Amerika, war es eine Zitterpartie, ob sich dieser Ruck nach rechts auch in den Niederlanden fortsetzt. Allerdings spielen bei solchen Wahlentscheidungen auch immer andere Motive als Ausländerfeindlichkeit eine zentrale Rolle, die immer wieder gerne von Politik und Gesellschaft ignoriert werden.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich hauptsächlich über Arbeit definiert und der Beruf somit einen großen Teil des Selbstverständnisses eines jeden Menschen ausmacht, er sich darüber einen Platz in der Gesellschaft zuteilt und von anderen dadurch einen Platz zugeteilt bekommt.

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Der Job ist die Quelle, aus der Selbstwert und Selbstachtung geschöpft werden und aus der man den Respekt anderer Menschen erfährt. Außerdem ist er natürlich die ökonomische Basis, die einem das Überleben sichert. Jetzt leben wir allerdings in einer Zeit, in der diese Effekte immer mehr ins Wanken geraten und eine seit Jahrzehnten geltende Lebenswirklichkeit zu zerbrechen beginnt.

Wer früher eine abgeschlossene Fachausbildung hatte, blickte ohne großartige Existenzängste bis ins Rentenalter. Kinder mussten nicht als Armutsgefahr begriffen werden. Dies gilt heute nicht mehr. Nun müsste man denken, dass es Deutschland wohl insgesamt schlechter gehen müsse, um diese Entwicklung zu verstehen. Aber auch das ist nicht der Fall. Grund ist die oft bemühte und von den meisten Politikern und Wirtschaftsbossen genervt abgetane und nicht beachtete Verteilungsfrage, außer die Verteilung läuft von unten nach oben.

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So nämlich, wenn der Staat Vollzeitbeschäftigte finanziell von Steuergeldern unterstützen muss, weil der Lohn nicht ausreicht. Genau diese Herrschaften sind es aber, die sich auf Adam Smith und die "unsichtbare Hand" beziehen und keinerlei staatliche Einmischung wollen. Ihr Credo, der Markt regelt alles! Abgewichen davon wird nur, wenn sie staatliche Hilfe benötigen, wie zum Beispiel bei der Bankenkrise von 2008. Genau diese Entwicklung, getrieben von Privatisierung, ist es aber, die den Menschen schwer zu schaffen macht. Gab es früher einmal den Postbeamten, der auch den angemessenen Respekt der Menschen genießen durfte, sind es heute oft die prekär beschäftigten DHL-Angestellten, die sich teilweise, aufgrund von Zeitdruck, nicht einmal den gang zur Toilette leisten können, wenn sie ihr Pensum erfüllen und ihren Arbeitsplatz sicher behalten wollen.

Als Sachzwang für solche Tendenzen wird immer wieder die Globalisierung angeführt. Für sie steht unter anderem die Europäische Union. Daher ist es verständlich, wenn sich die Menschen (berechtigter Weise) dagegen wehren wollen.

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Die Rechtspopulisten haben dies blendend verstanden und machen diese Kritik an der EU zu einem Kernthema ihres Wahlkampfes und verzeichnen damit dementsprechende Erfolge. Kommt es jetzt wie in den Niederlanden nicht dazu, dass solche Figuren stärkste Kraft werden, werden diese extrem beunruhigenden Erscheinungen einerseits zwar abgedämpft, die Ursachen für ihr Erstarken bleiben aber unberührt.

Die politische Entwicklung der letzten Jahre und das damit verbundene Aufblühen der Rechten hat viele Menschen auch mit einer anderen Gesinnung politisiert und wieder sensibel für gesellschaftliche Themen gemacht. Menschen, denen es soweit gut geht, dass sie oft keine Notwendigkeit für politisches Engagement und eine Veränderung der Verhältnisse, die den Boden der heutigen Entwicklung bereitet haben, sehen. So gut wie eine "Niederlage" Wilders ist, so schlecht wäre es, wenn man wieder zur Normalität zurückkehren und den Dingen ihren Lauf lassen würde. Uns in Deutschland besteht diese Zitterpartie bei den Bundestagswahlen und dem möglichen Einzug der AfD noch bevor. Wir sollten aufhören, uns nur mit den Erscheinungen wie derer von Rechtspopulisten zu befassen, sondern tiefer graben, den Dingen wie Verteilungs(un)gerechtigkeit auf den Grund gehen, damit uns diese Entwicklungen nicht eines Tages wie am Ende der Weimarer Republik überrollen. #Europäische Union