Es gab echt Zeiten, da war die SAT.1 "akte" ein gefürchtetes TV-Magazin. Anfang der 2000er holte sogar RTL sein Format "Extra" vom legendären Sendeplatz am Montag und legte es auf Dienstag - zeitlich gegen "akte". Der Versuch scheiterte auf ganzer Linie und RTL hievte "Extra" zurück auf den Montag. Dienstag war eben "akte"-Tag. Vor knapp sieben Jahren fielen die Quoten, und fielen - immer weiter. SAT.1 fuhr Sparflamme und machte aus dem Format eine billige Verbrauchershow. Es kam der Notruf-Button, damals für Notleidende von Dating-Portalen gedacht. Aufgetakelte Testverkäuferinnen, meistens junge 25- bis 30-jährige Berlinerinnen, fühlten Gartenmöbel-Abzocker auf den Zahn und testeten Selbstbräuner. Diese "spontan" ausgewählten Pseudo-Experten gaben einem den Rest. Hinzu kam, dass das Magazin von und mit Ulrich Meyer unter dem Verdacht stand, Beiträge manipuliert zu haben.

Strunz erstattet Anzeige

Dann kam Claus Strunz mit dem Relaunch. Noch so einer. In den sozialen Netzwerken polarisiert der 50-Jährige tatsächlich. Wusste ich bis heute auch nicht. Jede Menge User halten ihn für zu politisch und für einen Selbstdarsteller, andere mögen ihn für seine direkte Art im Frühstücksfernsehen von SAT.1. Ich mag ihn auch, weil ich ihm das abnehme, dass er was für die kleinen Leute übrig hat. Strunz ist jemand, der schon früher als Chef der Bild am Sonntag offen Leserbriefe beantwortete und sich mit der Kritik einer Kioskverkäuferin auseinandergesetzt hat. Wenn Strunz 48 Stunden am kriminellsten Platz Deutschlands (Slogan SAT.1) - dem Kottbusser Tor alias Kotti in Berlin - weilt, dann klingt das reißerisch, aber ist ziemlich spannend. Strunz und sein Team filmen nachts um halb eins Drogendealer und klingeln bei Anwohnern. Nach der Verhaftung quatscht Strunz mit Polizisten im Einsatz, nicht mit dem Pressesprecher der Polizei. Das ist interessant, weil die hübsche Polizistin Dampf über den Alltag am Kotti ablässt. "Es ist ein Justizproblem". Die Beamtin nervt das alles. Der Kotti ist schon lange aufgegeben worden. Claus Strunz kritisiert den Innensenator von Berlin, weil der nicht mal den Allerwertesten in der Hose hatte, Stellung zu nehmen. Der Moderator versichert den Zuschauern, die Aufnahmen vom Kotti der Polizei übergeben zu haben. Anzeige hat er auch noch erstattet. Die Berliner Polizei darf den Kotti nicht überwachen, der Strunz aber im Rahmen seiner journalistischen Recherchen schon. Wie verrückt ist das denn?!

Weiß doch jeder: Es gibt keine Einheitsgröße

"akte" hat sich in den letzten Ausgaben gemausert. Ganz auf die Verbrauchershow-Schiene will man nicht verzichten. Das ist durchaus schade, weil im Gegensatz zu den investigativen Reportagen, Themen wie "Warum Frauen nicht die passende Jeans finden" völlig gaga und überflüssig sind. Die Erkenntnis der letzten Sendung: Hersteller haben weltweit keine Einheitsgrößen, darum passt eine 36/32 Jeans verschiedener Marken nicht immer. Frauen fühlen sich deswegen fett. Ach nee. Was erlauben Strunz?! Drei Bewertungen auf Zalando gelesen und der Beitrag wäre überflüssig. Dort wissen die Frauen, dass s.Oliver Hosen normal ausfallen, Tom Tailor bei einer 40 eine L ist und Asics Frauenschuhe immer eine Nummer zu klein sind. Frauen sind nicht doof; auch nicht die, die SAT.1 schauen.

Als Papa, da menschelt der Claus am Schluss

Trotzdem ein Lob an die Kollegen in der Stralauer Allee am Spreeufer in Berlin Friedrichshain. Der Anfang ist richtig gemacht und ich mag es, wenn Herr Strunz kurz menschelt und von seiner 9-jährigen Tochter am Ende der Sendung erzählt. Die "akte" gibt sich Mühe nicht sensationsgeil, sondern wieder gewissenhaft zu sein. Dass man als Aufmacher manchmal eine Nachdrehe auf eine SAT.1 Produktion im Vorprogramm macht, ist völlig okay. Das tun RTL oder Spiegel TV Magazin zur Dschungelzeit genauso. Nur von Frauenhosen hat der Strunz keine große Ahnung. Bis Dienstag dann.

"akte 20.17", immer dienstags um 22:15 Uhr in SAT.1 sowie bei GigaTV (Vodafone) auf Abruf. #akte2017 #Fernsehen #Sat. 1