Was genau sind die apokryphen Schriften?

Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Und wenn er findet, wird er bestürzt sein. Und wenn er bestürzt ist, wird er erstaunt sein. Und er wird König sein über das All." (Thomasevangelium, p. 32, 14-19)

Mit dem Begriff apokryphe Schriften bezeichnet man die alten frühchristlichen Texte, die im Jahre 1945 in der Nähe des ägyptischen Ortes Nag-Hammadi (daher auch die Bezeichnung Nag-Hammadi-Schriften) während Ausgrabungsarbeiten von einheimischen Bauern in einem roten Tonkrug gefunden worden sind. Die Manuskripte bestehen aus dreizehn in Leder gebundene Papyrus-Kodizes.

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Die Sammlung umfasst 47 unterschiedliche Texte, einige hiervon mehrfach abgeschrieben, daher insgesamt 53 einzelne Schriftstücke. Nach Schätzungen sollen die Manuskripte vorwiegend im ersten oder zweiten Jahrhundert nach Christus verfasst worden sein.

Die Bezeichnung apokryph geht auf die griechische Sprache zurück und bedeutet; „verborgen“. Darunter versteht man eine Art Sammelbegriff für all die frühchristlichen Texte, die im Laufe der Entstehungsgeschichte der Bibel in diese nicht aufgenommen, also nicht kanonisiert wurden. Dieser Begriff wurde auch in einem abwertenden Zusammenhang gesehen, da sie für die theologische Obrigkeit als Fälschungen und Irrlehren galten. Im Klartext: Sie enthielten viel von der spirituellen Wahrheit, die die Manipulation der Menschen von Seiten der kirchlichen Machthaber erschwert hätten.

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Bereits Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus kam es im Rahmen der Kanonisierung der jüdischen Bibel zur Ausgrenzung von sakralen Schriften. Aber welche wesentlichen Botschaften beinhalten diese „verfolgten“ Texte?

Die ergänzenden Aspekte der Persönlichkeit von Jesus

Den spirituellen Inhalt dieser aussortierten Texte beurteilten die kirchlichen (politischen) Machthaber als ihre Position gefährdend, da sie damit nicht die von ihnen zurechtgestutzten Dogmen hätten untermauern können. Was waren aber diese Inhalte, die von der Kirche abgelehnt wurden?

In den apokryphen Schriften wird das persönliche Bild von Jesus mit weiteren Aspekten ergänzt. So erfährt man, dass Maria von Magdala, die in den kanonisierten Texten als Prostituierte bezeichnet wird, in Wahrheit seine Gefährtin/Frau war, die auch im Kreise der Jünger eine Sonderstellung besaß. Demnach war sie eine Privilegierte, die von Jesus sogar in weitere Geheimnisse eingeweiht wurde. Hinweise darauf liefern u. a. das Evangelium der Maria und das Philippusevangelium:

„Es waren drei, die allezeit mit dem Herrn wandelten: Maria, seine Mutter, und ihre Schwester und Magdalene, die man seine Gefährtin nennt. Denn eine Maria ist seine Schwester und seine Mutter und seine Gefährtin“ (Spruch 32,PhE).

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Im Kreise seiner Jünger kam wegen ihrer Sonderstellung sogar Eifersucht auf, was wiederum die starke Bindung zwischen ihr und Jesus betont: „Die Sophia, die genannt wird: die Unfruchtbare, sie ist die Mutter der Engel. Und die Gefährtin [des Erlösers] ist Maria Magdalena. Der [Erlöser liebte] sie mehr als [alle] Jünger und er küsste sie [oft] auf ihren [Mund].“ (Nag-Hammadi-Codex II,3 Vers 32,55)

An diesen Passagen sieht man auch, dass Jesus kein Verneiner des irdischen Lebens war, der sich Jungfräulichkeit schwor. Er lebte sowohl den körperlichen Aspekt des Menschenseins als auch den hohen geistigen. Daher wird er auch als der „Vollkommene Mensch“ bezeichnet.

In diesem Kontext soll auch die folgende Passage gedeutet werden: „Einige sagten:,,Maria ist vom heiligen Geist schwanger geworden.`` Sie sind im Irrtum. Sie wissen nicht, was sie sagen. Wann ist je eine Frau von einer Frau schwanger geworden? Maria ist die Jungfrau, die keine Macht befleckte. Sie ist ein großer Fluch für die Hebräer, das sind die Apostel und die Apostelschüler. Diese Jungfrau, die keine Macht befleckte die Mächte befleckten sich selbst. Und der Herr hätte nicht gesagt: ,,Mein Vater, der im Himmel ist``, wenn er nicht noch einen anderen Vater gehabt hätte, sondern er hätte einfach gesagt: ,,Mein Vater!``“( Spruch 17, PhE)

Die Wichtigkeit der Person Maria von Magdala wird auch damit klar, dass sie dem auferstandenen Jesus als erste begegnete und gab damit auch die Auferstehungsbotschaft an die Jünger weiter. Weiteren gnostischen Quellen nach soll sie die Lehre von Christus nach seinem Tod weiterverbreitet haben - der Kult der Rosenkreuzern geht auch auf ihre Gestalt und ihr Wirken zurück.

Ein anderer wichtiger Aspekt, der das offiziell bekannte Jesus-Bild der Kirche in einem anderen Licht erscheinen lässt, ist, dass er nicht nur ein passiver, sanfter (also ein ätherisches geistiges Geschöpf) war, sondern auch ein "Vollblut"- Kämpfer sein konnte: „Die Menschen denken wohl, daß ich gekommen bin, um Frieden auf die Welt zu bringen. Und sie wissen nicht, daß ich gekommen bin, um Zerwürfnisse auf die Erde zu bringen, Feuer, Schwert, Krieg.“ (Thomasevangelium, Logion 16)

Sogar im Neuen Testament sind Geschehnisse beschrieben, wo Jesus regelrecht tobte, in den Tempeln Sachen zerstörte und schimpfte in Angesicht des unmoralischen Verhaltens der darin mit Geld handelnden Menschen.

Die Ganzheit der spirituellen Lehre von Christus

„Und er erlöste die Guten in der Welt ebenso wie die Bösen.“ (Spruch 9, PhE)

Ein wichtiger Bestandteil der ursprünglichen christlichen Lehre ist, dass die Welt eine auf Polaritäten beruhende ist, deren Ursprung jedoch aus derselben göttlichen Quelle speist:

„Das Licht und die Finsternis, das Leben und der Tod, rechts und links sind einander Brüder. Sie sind untrennbar. Deswegen sind weder die Guten gut noch die Schlechten schlecht, noch ist das Leben ein Leben noch der Tod ein Tod. Deswegen wird sich jeder einzelne auflösen in seinen Ursprung von Anfang an. Die aber erhaben sind über die Welt, sind unauflöslich, sind ewig.“ (Spruch 10, PhE)

In dem Sinne wird das Verständnis von „Hölle“ auch anders beleuchtet. Daraus folgernd wird aber auch die Schwierigkeit angesprochen, in der Welt das Falsche (die falschen Gottesbilder) vom Richtigen (die absolute Wahrheit) unterscheiden zu können, da die materielle Realität nicht der absoluten Realität entspricht:

„Der Irrtum beschäftigte sich mit Macht damit, einen schönen Ersatz für die wahre Wirklichkeit zu schaffen: die sichtbare Welt.“ (Evangelium der Wahrheit)

Die Veden sprechen vom selben Kontext, wenn sie unsere sichtbare Welt als Maya, „Illusion“ bezeichnen. Daher auch die Schwierigkeit, transzendente Inhalte in menschliche Begriffe zu transformieren (Deswegen bediente sich Jesus der Sprache von Gleichnissen und Symbolen):

„Die Namen, die man den weltlichen Dingen gibt, verursachen eine große Irreführung. Denn sie wenden ihren Sinn ab von den Feststehenden zu den Nichtfeststehenden. Und wer, Gott` hört, erkennt nicht das Feststehende, sondern er hat das Nicht-feststehende erkannt.“ (Spruch 11, PhE)

Im Zusammenhang der Polaritäten wird auch die Wichtigkeit des weiblichen und männlichen Prinzips bewusst, die entgegen der katholischen Einflüsse auf Gleichrangigkeit und Wertschätzung dieser Aspekte beruhen. Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass Jesus der Gedanke der Reinkarnation nicht fremd war, darauf wurde auch schon in einem früheren Artikel eingegangen. So sagt er auch „Werdet Vorübergehende!“ - damit betont er die Wichtigkeit der Nicht-Anhaftung, des sich Nicht-Verlierens nur in die irdischen Belange.

Eine andere wichtige Erkenntnis bezieht sich auf die Allmacht des schöpferischen Geistes, die sich in allen sichtbaren und unsichtbaren Dingen offenbart: „Der, Vater` und der, Sohn` sind einfache Namen; der, Heilige Geist` ist ein doppelter Name. Sie sind nämlich an allen Orten. Sie sind oben, sie sind unten, sie sind im Verborgenen, sie sind in den offenbaren Dingen. Der Heilige Geist ist in dem Offenbaren: Er ist unten. Er ist in dem Verborgenen: Er ist oben.“ (Philippusevangelium, Spruch 33)

Das Gebet

Sicherlich sind noch weitere sehr interessante spirituelle Inhalte in den apokryphen Schriften zu finden, die jedoch den begrenzten Rahmen dieses Artikels sprengen würden. Daher möchte ich den lieben Leser dazu auffordern, selbst diese Texte zu studieren, um den eigenen spirituellen Horizont erweitern zu können. Zum Abschluss möchte ich noch ein Gebet aus diesen Quellen mitgeben, das als das „Original“ des Vater-Unser angesehen werden kann:

"Mutter Vater des Kosmos,

Du erschufst alles was sich im Licht bewegt.

Sammle dein Licht in einem Punkt in uns.

Erschaffe jetzt die Herrschaft deiner Ewigkeit,

damit dein einer Wunsch mit dem unsrigen einher geht

wie in allem Licht. So auch in jeder Form.

Gib uns jeden Tag was wir brauchen.

In Brot und in geistigem Sehen.

Löse die Fäden unserer Fehler, die uns gebunden halten,

so wie auch wir die Bande lösen

mit denen wir andere (fest)halten.

Vereinen wir Himmel und Erde.

Erfüllen wir unser wahres Ziel.

Die Macht der Liebe und des Tuns.

Was sich von Zeit(Epoche) zu Zeit erneuert,

mit Glauben und Vertrauen besiegelt.

Mit unserem ganzen Wesen bestärken wir dies.

Amen #Geschichte #Forschung #Glaube