Am Mittwoch berichtete die Deutsche Presse-Agentur, dass Stuttgart 21 noch mal teurer als geplant wird. Die Rede ist von 7,6 Milliarden Euro. Nun, erstmal schlucken und weiter geht’s!

Haben wir vergessen, dass politische Beschlüsse auf ganz anderen Zahlen getroffen wurden? Nämlich 2008 auf 2,8 Milliarden Euro. Der Anfang weckt aber Sehnsucht auf, als wir noch in D-Mark rechneten. Merken Sie die Melancholie auch? 14 Jahre oder mehr Bauzeit mit Lärm, Dreck, Staub und Umleitungen.

Wir können alles außer Hochdeutsch, und auch teuer

Als wollte Baden-Württemberg mit dem Berliner #BER mithalten entpuppt sich langsam aber sicher das Bahnprojekt #Stuttgart 21 als Fass ohne Boden.

Werbung
Werbung

Noch später fertig, noch teuerer noch undurchsichtiger, noch unzuverlässiger und ich könnte weiter machen, denn negative Adjektiva für Stuttgart 21 sind reichlich vorhanden.

Aus dem Kopfbahnhof soll eine Durchgangsstation werden mit der doppelten Leistungsfähigkeit des heutigen Bahnhofs

Aber lassen wir schnell Review passieren:

  • Der Anfang geht in die 90er Jahre zurück. Die Idee, eine neue Strecke nach Ulm zu bauen, geht auf den Direktor des Verkehrswissenschaftlichen Instituts Gerhard Heimerl zurück.
  • Nach vielen harten Diskussionen konnte das Projekt langsam bei den Entscheidungsträgern eine Mehrheit für sich gewinnen. Bauanfang sollte 2008 sein.
  • Als die Idee die Öffentlichkeit erreichte, fingen Gegner an sich zu mobilisieren.
  • 1995 wurden Kosten auf 4,893 Milliarden D-Mark geschätzt. Ja, richtig gelesen, die D-Mark war die Verhandlungsbasis.
  • 1999 rechnete die Bahn Gesamtkosten für #S21 auf 5,5 Milliarden D-Mark. Ja, wir sind immer noch bei der D-Mark.
  • 2002 sprach man schon in Euro und die geschätzten Kosten waren auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen. Der damalige Verkehrsminister Stefan Mappus (CDU) versicherte zu 99 %, dass es zu keiner Kostenexplosion kommen werde. Schön, dass er sich 1% Freiraum ließ. Bis zu diesem Zeitpunkt betrugen die Planungskosten 200 Millionen Euro.
  • Medienbericht zufolge habe 2009 Ministerpräsident Oettinger sich keine weitere neue Kostenberechnung gewünscht. Außerdem sollten Berechnungen, die über der Kostengrenze von 4,5 Milliarden Euro liegen, nicht „aktiv“ in die Öffentlichkeit gelangen.
  • 2011 sprachen Medienvertreter, dass schon 2009 das Ministerium von Baukosten von 4,066 Milliarden Euro gewusst habe. Verdächtig, dass im selben Jahr die Deutsche Bahn die Gesamtkosten auf 4,166 Milliarden Euro korrigierte.
  • Bemerkenswert ist, dass schon im Jahr 2008 das Münchner Beratungsbüro Vieregg + Rössler Kosten bis zu 6,2 Milliarden Euro prognostizierte.
  • Am 26. Oktober 2009 fanden die ersten Montagsdemonstrationen gegen das Projekt statt.
  • Am 30. September 2010, bekannter als „schwarzer Donnerstag“ eskalierte die Auseinandersetzung zwischen der Polizei und den Gegnern. Die Räumung des Schlossgartens läuft aus dem Ruder. Demonstranten wurden zum Teil schwer verletzt. Fünf Jahre später erklärt das Stuttgarter Verwaltungsgericht den Polizeieinsatz zur Räumung für rechtswidrig.
  • 4. Oktober 2010 Großdemonstration mit mehr als 50 000 Demonstranten.
  • Nach den ganzen Protesten gegen das große Projekt entschied das Land ein Referendum abzuhalten.
  • 2. Februar 2010 mit wurde mit dem Aufheben eines Prellblockes der offizielle Baubeginn symbolisiert.
  • 27.November 2011 findet das Referendum gegen den Ausstieg statt (58,9%).
  • Juli 2012 Intercity entgleist. Kritiker führen den Vorfall auf den Umbau zurück. Grund: Das bestehende Gleisvorfeld muss, um für die Baugruben Platz zu schaffen, umgebaut werden. Im selben Jahr entgleisen weitere zwei Züge.
  • Dezember 2012 wird bekannt gegeben, dass die Kosten von S21 sich bis auf 6,5 Milliarden erhöhen.
  • August 2014 beim Beginn vom Großen Graben wird langsam klar, dass der vorgestellte Zeitplan zu optimistisch gedacht war.
  • März 2015 Strafbefehl für Ex-Polizeichef Siegfried Stumpf wegen seiner Rolle am schwarzen Donnertag.
  • Dezember 2015. Nach weiteren Untersuchungen aktualisiert Vieregg-Rössler GmbH ihre Prognosen für die Baukosten auf 10 Milliarden Euro.
  • November 2017 berichtet die Deutsche Presse-Agentur, dass Stuttgart 21 teurer als geplant wird. Die Rede ist nun von 7,6 Milliarden Euro.

Wenn wir an den Geschehnisse der Vergangenheit festhalten, sieht die Prognose von 10 Milliarden und mehrjährige Verspätung nicht so unrealistisch aus.

Werbung

Auch die aktuelle Schätzung vom Bauende liegt bei frühestens 2024.

Architekten überfordert?

Ein Jahrhundert-Skandal-Bauprojekt wird eine Milliarde Euro teurer

Scheinbar haben wir uns längst daran gewöhnt, dass staatliche Projekte zu miserablen Geldfressern werden. Versucht wurde den Steuerzahlern das Projekt schmackhaft zu machen. Investition in die Zukunft, sagte man. So viele Köche gaben dem Gericht einen sehr bitteren unerträglichen Geschmack, so dass es mittlerweile nur noch den Köchen schmeckt.

Die Forderungen nach einem Ausstieg werden wieder laut. Die Projektträger beziehungsweise der Projektverlauf haben bisher die Befürchtungen der Gegner leider nur bestätigt.

Und wer zahlt denn jetzt? Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) betonte in einem Interview, dass das Land sich an den zusätzlichen Kosten nicht beteiligen werde. Noch mal ein Kräftemessen der Parteien? Wird nicht doch am Ende oder jetzt schon der Steuerzahler den Kürzeren ziehen?

Demenz der Bürger

Am Ende wird man feierlich den Prestige Bahnhof eröffnen und sich an die Vergangenheit nicht mehr erinnern, sondern mit stolzgeschwellter Brust den neuen Durchgangsbahnhof präsentieren.

Werbung

Ich sehe schon den roten Teppich vor meinen Augen ausrollen. Das scheint Usus zu werden, auf die Amnesie der Bürger zu setzen. Die Hamburger Elbphilharmonie war jahrelang ein Sorgenkind heute will aber niemand mehr davon wissen. Man geht hin zum flanieren, sehen und gesehen werden. Die Kostensteigerung von Stuttgart 21 geht ständig in die Milliarden. Millionen erwähnt man nicht mehr auf diesem Niveau, das sind ja Peanuts. Ich darf erinnern, nicht für die Bürger!

Schöne Adventszeit

Es scheint als wäre es gewollt, dass zufällig gerade während der Adventszeit der Kostenanstieg veröffentlicht wird? Wir sind in guter Laune, trinken Glühwein und wollen uns nicht um strittige Themen kümmern. Schöne Adventszeit noch! #Berlin #Stuttgart21