Das Gedicht »One Day/Reckoning Text« von Julia Engelmann wurde das erste Mal auf dem Bielefelder Hörsaal-Slam im Jahr 2013 vorgetragen und handelt von »verpassten Chancen und versäumten Lebensträumen.« Zunächst wird von Lethargie und Antriebslosigkeit berichtet, doch gegen Ende hin verwandelt sich dieses Thema in Motivation.

Der Text ist von einem bekannten Popsong von dem Sänger Asaf Avidan inspiriert, der den Namen »Reckoning Song« trägt. Der Refrain dieses Liedes wiederholt sich einige Male in leicht abgeänderter Form in dem Gedicht, wobei dieser ins Deutsche übersetzt worden ist. Das gibt dem Text Zusammenhalt und macht ihn poetisch.

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Das Gedicht ist metrisch nicht einzuordnen und hat einen durchgängigen freien Rhythmus. Dies ist typisch für die Slam-Poetry, »da die Texte oft prosaische Elemente enthalten, indem sie Erzähltexten gleichen und von traditionellen Gedichtsformen abweichen.«

Das lyrische Ich in dem Gedicht ist nur am Anfang präsent, danach verwandelt es sich viel mehr in ein lyrisches Du und dann in ein lyrisches Wir, da nur noch von »uns« gesprochen wird. Dies bringt zum Ausdruck, dass die gesamte Generation von dem Thema betroffen ist, während man sich aber auch individuell mit den angesprochenen Problemen und Situationen identifizieren kann.

Der Ich-Zerfall ist ein durchgängiges Thema in dem Text und man findet diesbezüglich fast in jeder Zeile einen Hinweis oder eine Bemerkung. So fängt Julia Engelmann gleich in der ersten Strophe an davon zu erzählen, dass sie eine Meisterin der Streiche ist, wenn es darum geht, sich selbst zu betrügen.

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Dies zeigt schon ganz zu Anfang, wie negativ die Einstellung zu dem eigenen Ich ist, da darauf hingewiesen wird, dass man sich immer selbst betrügt, es sich jedoch schön redet. In der darauffolgenden Zeile vergleicht sie das lyrische Ich mit einem Kleinkind, sobald es zum Erledigen von Aufgaben kommt. Dies zeigt, dass sich das Ich in diesem Fall vor jeder Aufgabe scheuen möchte, da Kleinkinder lieber spielen und andere Sachen tun, als Aufgaben zu erledigen.

In der nächsten Strophe finden wir eine Anapher vor, da dort fast alle Verse mit dem Wort »Ich« beginnen. Dies hat zur Folge, dass man sich sofort mit dem Erzähler identifizieren kann und sich mit ihm vergleicht. So berichtet Julia Engelmann hier, dass das lyrische Ich zu viel nachdenkt, zu viel abwartet, sich zu viel vornimmt, davon jedoch zu wenig macht, alles anzweifelt, sich aber zurückhält und gerne klug wäre, was allein an sich ein dummer Wunsch ist. Damit zeigt sich, dass das Ich weiß, dass es vieles vor sich herschiebt und eigentlich selbstbewusster und zielstrebiger sein sollte, es jedoch nicht schafft.

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Auch stellt es sich selbst als dumm dar, was heißt, dass es ein geringes Selbstwertgefühl haben muss, was ein typisches Zeichen von dissoziativem Verhalten ist.

Auch in der Strophe danach äußert sich das lyrische Ich negativ über sich selbst, was erneut belegt, dass es nicht sehr selbstbewusst und zufrieden mit sich ist. Zudem erklärt es, dass es zwar viele Aufgaben zu erledigen hätte, es jedoch zu viele sind, sodass es gar nicht erst damit anfangen möchte sie zu bearbeiten, da es nie mit allen fertig werden würde. Dies zeigt uns die Antriebslosigkeit und Faulheit des lyrischen Ichs. Zur gleichen Zeit vergleicht sich der Leser automatisch mit diesem Ich und sucht Parallelen. In den meisten Fällen wird er diese auch finden, da viele Leute zu viel zu tun haben und nicht wissen, wie sie das alles bewältigen sollen und es deshalb lieber immer wieder aufs Neue aufschieben.

Stattdessen sitzt man planlos vorm Smartphone und wartet auf den nächsten Freitag, da dort das Wochenende anfängt und man etwas mit Freunden oder der Familie unternehmen kann und mal nicht zur Schule oder zur Arbeit gehen muss.

Danach erfolgt eine Wiederholung von dem Satz »Ich bin so furchtbar faul. Diese Wiederholung verdeutlicht die Realität und die Wahrhaftigkeit des Ganzen. Im Zuge dessen vergleicht Julia Engelmann das lyrische Ich mit einem Kieselstein, der auf dem Meeresgrund liegt, da es anscheinend genauso faul und unproduktiv ist. Auch die Metapher »mein Patronus ist ein Schweinehund« bezieht sich auf die Unproduktivität des lyrischen Ichs, wobei sie hier auf die Buchreihe »Harry Potter« zurückgreift, wo der Patronus ein schimmerndes, nebliges Licht in Form von einem Tier ist, welches man am liebsten mag oder zu welchem man einen bestimmten Bezug hat. Der Schweinehund bezieht sich auf den inneren Schweinehund, der dafür bekannt ist, überwunden zu werden, um seine eigene Träg- und Faulheit zu überbrücken und etwas zu tun, was als richtig und produktiv erachtet wird. Zusammenfassend umschreibt diese Metapher also, dass man den inneren Schweinehund überwinden sollte, da man schon so lange viel zu untätig war, dass man einen besonderen Bezug zum Schweinehund, beziehungsweise zur Faulheit hat.

Ab Zeile 51 verwandelt sich das lyrische Ich in ein lyrisches Du, welches jedes Jahr die gleichen Vorsätze in sein Sektglas murmelt, am Ende des Jahres jedoch feststellen muss, dass es nichts von seinen Zielen erreicht hat. Dies verdeutlich erneut die Trägheit der Menschen und ihre Neigung dazu, sich Dinge vorzunehmen und sie nicht einzuhalten.

In dieser Strophe werden unter anderem einige Konjunktive benutzt wie zum Beispiel in den Zeilen 59-60 »Du wolltest abnehmen, früher aufstehen, öfter rausgehen, mal deine Träume angehen, mal die Tagesschau sehen«, die diese Wünsche noch stärker verdeutlichen und ein typisches Zeichen für verpasste Möglichkeiten sind, die niemals real geworden sind. Nach dieser Strophe verwandelt sich das lyrische Du in ein lyrisches Wir.

Ihr Leben wird als Wartezimmer dargestellt, was symbolisiert, dass wir Menschen dauerhaft auf etwas warten, doch wahrscheinlich selber nicht so genau wissen, auf was. Für manche wird es vielleicht der Schulabschluss sein, für andere wiederum das Warten auf einen Job, auf einen Umzug oder ein ganz bestimmtes Ereignis. Zudem wird gesagt, dass man keine Fehler machen möchte und nichts verlieren will. Dies weist darauf hin, dass das lyrische Wir Perfektion erlangen möchte, da es offensichtlich unzufrieden mit sich und der Welt ist. Es ist nur natürlich, dass ein Mensch Fehler begeht und im Verlauf seines Lebens mehr Sachen verliert, als ihm lieb ist. Es ist also unmöglich ein fehlerfreies, perfektes Leben zu führen. Jedoch streben Menschen, die nur ein geringes Selbstbewusstsein haben, häufig nach Perfektion, da sie sich damit ein besseres Leben erhoffen.

In einer der darauffolgenden Strophen greift Julia Engelmann wieder auf mehrere Konjunktive zurück, wie zum Beispiel »einmal wäre ich fast einen Marathon gelaufen« oder »fast hätten wir uns mal demaskiert.« Dies verweist auf die verlorenen Chancen und Möglichkeiten, von denen man einmal erzählen kann, wenn man sich nicht aufrafft und etwas aus seinem Leben macht und etwas erlebt.

»Noch ein bisschen hierzubleiben« ist eine Anspielung auf den Tod, da mit dem Bleiben in diesem Fall länger zu leben gemeint ist. Wenn man diesen Satz auf das bisherige Gedicht bezieht, kann man auch sagen, dass derjenige noch länger leben möchte, um doch noch einmal etwas zu erleben, da einem oft erst kurz vor seinem Tod bewusst wird, was man alles versäumt hat oder welche Chancen man hätte ergreifen sollen.

Danach ändert sich das Gedicht mit einem Schlag und anstatt von Faulheit und Lethargie zu sprechen, kommt plötzlich Motivation auf und Julia Engelmann fordert das lyrische Wir, beziehungsweise auch die Leser und Zuhörer zu verschiedenen Sachen auf wie zum Beispiel zum »lange wach bleiben« oder daran »an uns selbst zu glauben«. Dadurch merkt man, dass das lyrische Wir rationaler handeln möchte und anfängt positiv zu denken. Zudem erkennt man an den vielen Vorschlägen, die geliefert werden, seine Fantasie, da nicht jeder vorschlagen würde auf ein Hausdach zu klettern. Diese Begabung für die Fantasie ist ein typisches Merkmal für dissotiative Personen.

In der vorletzten Strophe wird gesagt, dass wir bis zu unserem letzten Tag frei sind und nichts zu verlieren haben, weshalb wir das Leben führen sollten, was wir wollen und uns selbst aussuchen, welche Geschichten wir erzählen wollen. Das bedeutet im Großen und Ganzen also, dass man das Leben genießen und so viel wie möglich erleben sollte.

Schlussendlich kann man sagen, dass die Ich-Dissoziation in der Lyrik und vor allem in der Slam-Poetry ein gängiges Thema ist. Menschen verschwenden ihre Zeit mit unnötigen Dingen, während sie eigentlich sinnvolle und produktive Sachen erledigen sollten, dafür jedoch keine Motivation finden. Auch versinken sie manchmal in Träumerei, um ihrem Alltag für eine Weile entfliehen zu können. Diese beiden Sachen führen dazu, dass wir im Leben nicht wirklich etwas erreichen und irgendwann feststellen müssen, dass unsere Zeit abgelaufen ist, wir jedoch keine spannenden Geschichten zu erzählen haben, da wir immer zu feige und faul gewesen sind, um Abendteuer zu erleben. Dies prägt das Leben von fast jedem Menschen.

Diese Moment, wo man einfach nur faul vor dem Handy oder Smartphone hängt, kennt glaube ich jeder von uns und wir sollten vielleicht ab und zu anfangen stattdessen etwas Produktiveres zu tun.

http://de.blastingnews.com/meinung/2017/11/der-letzte-trend-das-gute-alte-gedicht-ist-zuruck-002182229.html

http://de.blastingnews.com/meinung/2017/11/null-zeit-gedicht-des-tages-nr-6-donnerstag-3011-002197425.html #Gedichte #slampoetry #selbstzerstörung