Weiße Segelboote auf roter Baumwolle. Grüne Blumenmonde auf blau-geblümtem Untergrund. Erdbeeren oder Elche, Schneewittchen oder Gitarren. Käfer oder Frösche. Modedesignerin Eva Waldherr liebt Boxershorts. Am liebsten mit ungewöhnlichen Mustern. Vor drei Jahren gründete die Berlinerin ihr Label erna & gustav. Die Namen ihrer Großeltern bedeuten ihr viel. Die Ahnen lebten ihr die Faszination von Handarbeit vor und vererbten ihr die Liebe zum Detail: „Ich führe ihre Tradition weiter.“ Inzwischen im Atelier in einem neubelebten, ehemaligen Walzwerk in Oranienburg nördlich von Berlin. Die 30-Jährige hält es mit Woody Allen, der sagte: „Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, obwohl ich ein Paar Unterhosen zum Wechseln mitnehmen werde.“

Bequemlichkeit vor Design

Statistiken wissen viel über die Unterwäsche-Vorlieben deutscher Männer. 100 Millionen Unterhosen für das starke Geschlecht werden jährlich verkauft. Weniger als 20 Exemplare liegen durchschnittlich in jedem Männerschrank. Immerhin nehmen sich die Herren vor, sechs neue Teile pro Jahr zu erwerben. Dabei zählt: Bequemlichkeit geht vor Design. Fast die Hälfte der über 30-Jährigen trägt am liebsten Sportslips. Die klassische Feinripp-Unterhose ist der Hit bei Männern 60 plus. Fast jeder zweite Teenager trägt einfarbige Boxershorts. Immerhin ein Fünftel aller Herren greift zu Unterhosen mit Muster. Sechs Prozent der Männer gibt an, gar keine Unterwäsche zu tragen. Wie gesagt: rein statistisch. Kaum erfasst, aber von Eva Waldherr als Trend erkannt: immer mehr Frauen lieben Boxershorts.

Lieblingsteile mit Seltenheitswert

Gestreift oder kariert? Das ist der überzeugten Boxershorts-Trägerin zu langweilig. Farbig sollen die luftigen Unterhosen sein. Fröhlich dürfen sie machen. Zudem avancieren sie zum Sammlerobjekt. Produziert werden ausschließlich Kleinserien und Unikate. „Wenn ein Stoff alle ist, endet eine Serie.“

Seit diesem Jahr setzt die Designerin ausschließlich auf organische Baumwolle in Bio-Qualität. Umweltschonende Färbeverfahren sind ein Muss. Ihre Stoffe bezieht sie von zertifizierten deutschen und amerikanischen Textilagenturen, wenn es sich ergibt, auch aus Omas Kleiderschrank. „Das gute Gewissen fängt schon untendrunter an“, sagt sie. Einer Studie des britischen Reproduktionsmediziners Allan Pacey zufolge wiesen Boxershorts tragende Männer übrigens eine bessere Samenqualität auf als Träger eng anliegender Slips. Wunschvätern empfiehlt er deshalb, „wenigstens für ein paar Monate zu einer lockereren Unterwäsche-Variante zu wechseln“.


Erstes Shooting ohne Budget

Was Eva Waldherr und einige ihrer Stammkunden wissen, soll nun einem breiteren Publikum bekannt werden. Im Dezember will sie gemeinsam mit Textildesignerin Lea Löckle aus Frankfurt am Main, jetzt im bayrischen Zolling, an einer Modemesse in München teilnehmen. Alle Designerteile mussten fotografisch in Szene gesetzt werden. Professionell, aber mit einem Null-Budget. Für ein so genanntes TFP-Projekt konnte sie Freunde, kreative Mistreiter und ihr bis dahin Unbekannte über das Internet begeistern. TFP steht für „time for pictures“. Es bedeutet, dass die Modelle ihre Zeit zur Verfügung stellen und mit Fotos entlohnt werden. Drei Männer und drei Frauen posierten vor der Kamera. Darunter ein Profi aus Kamerun. Der 27-jährige Francois-Xavier Mbelen A-Fidiek lebt seit knapp einem Jahr in Deutschland. In seiner Heimat modelte der gelernte Herrenschneider fünf Jahre erfolgreich, präsentierte europäische, afrikanische, arabische und chinesische #Mode.

Chance zum Bekanntwerden

Warum er nach Deutschland flüchtete, weiß nicht einmal seine Deutschlehrerin Regine Jedwabski. Sie begleitete ihren Schüler zum Shooting und lobt seinen Ehrgeiz. „Er will unbedingt arbeiten und er dürfte es auch.“ Den Fototermin sah der Christ als glückliches Zeichen. Es war das zweite innerhalb weniger Tage für ihn. Denn beinahe wäre das Vorhaben gescheitert. Durch einen offensichtlichen Behördenfehler war der Kameruner von der Abschiebung bedroht und verletzte sich bei einem Sprung aus dem Fenster. Zum Glück nur leicht. Er spricht wenig. Über das Ereignis gar nicht. Beim Shooting zählt für ihn die Mode. Er interessiert sich für alle Teile und greift spontan zur Schere, als er einen Kimono begutachtet. Ein überstehender Faden wird gekappt. Eva Waldherr lächelt. Freizeitmodell Karolin Thiedemann aus Berlin staunt: „Ich habe noch nie zu zweit gemodelt.“ Francois-Xavier legt ihr einen farbigen Kaschmirschal von Lea Löckle um und posiert souverän. „Toll, dass er so erfahren ist“, lobt sie. Auch Visagistin Kim Yuna Vou aus Berlin hat mehr mit Frisuren und Make-up der Frauen als mit dem Profi zu tun. „Ich kannte vorher niemanden, aber das wilde Styling hat mir einen Riesenspaß gemacht“, resümiert sie. Nach drei Stunden hat Fotografin Susann Kerk, genannt die Fotozauberfee, alle Bilder im Kasten. Boxershorts-Designerin Eva Waldherr tanzt über die Wiese: „Ich bin so glücklich, dass ich meine Sachen bei so vielen unterschiedlichen Typen zeigen konnte. Wenn Menschen mutig zu Farben sind, sehen meine zeitlosen Klassiker bei allen gut aus, egal in welchem Alter.“ Top-Model Francois-Xavier würde sie auch privat tragen. Er schmunzelt etwas verlegen. Dass ihm ausgerechnet Boxerhorts und Pyjamahosen eine Chance geben, in Deutschland richtig anzukommen, konnte er sich bis vor kurzem nicht vorstellen. Die zusammengewürfelte Shooting-Crew hat ihn jedenfalls schon ins Herz geschlossen.

Fotos: ©Dagmar Möbius #Gesundheit