Arzt oder Pilot wollen viele in ihrer Kindheit werden, Müllmann hingegen wird nie genannt. Ich nahm mir diesen Beruf einen Tag lang unter die Lupe, indem ich von morgens bis abends einen Müllwerker in Freiburg bei der Arbeit begleitete. 

Ein Asylantenheim in Freiburg im Stadtteil Betzenhausen. In der Nähe der Baracken ist ein Kinderspielplatz, wo Kinder Fussball spielen. Zwei junge Frauen mit Kinderwagen sitzen auf Bänken. Daneben stehen große Müllcontainer, die bis zum Bersten voll sind. Der 25-Jährige Karar Hussein aus Afghanistan wohnt hier mit seiner Familie. "Bis smell here", sagt er um rümpft sich die Nase. Neben gelben und blauen Säcken ragen hier zerschlagene Stühle aus dem Müll. Ist Mülltrennung hier ein Fremdwort?

Am selben Tag im Stadtteil Weingarten: auf einer Wiese neben einem sechsstöckigen Hochhaus liegen Müllsäcke herum, daneben kaputte Elektrogeräte. Schuhe, leere Shampoo-Flaschen, zerrissene Kartons und ein Plüschtier. Die 70-jährige Rentnerin Irene Lenger, die hier wohnt, macht sich viele Gedanken über diese Verhältnisse. Gestern hat sie beobachtet, dass im aufgeräumten Stadtteil Wiehre Müllmänner den restlichen Müll mit Besen weggeräumt hätten. "Sind wir hier in Weingarten etwa Menschen zweiter Klasse?", fragt sie sich.

Raben würden oft die Säcke aufpicken. Selbst nach dem Mülldienst stünden hier Tüten mit Restmüll rum.

2547,68 Euro ist der Bruttolohn eines langjährigen Müllarbeiters in Freiburg. Das sind 15,18 € pro Stunde. Gar nicht mal so schlecht - doch ist das nicht ein Drecksjob?

Für einige Müllarbeiter wie Herrn Antonis von der Abfallwirtschaft Freiburg heisst es bereits um 4 Uhr morgens aufstehen. Um 6 Uhr ist Dienstbeginn! Herr Antonis und seine beiden Kollegen tragen orangene Westen mit Warnstreifen - die gesetzlich vorgegebene Dienstkleidung. Seit 30 Jahren ist er Müllmann. Langweilig wurde es ihm dabei nicht. Früher war Lokomotivführer ein Traumberuf. Heute kann es für viele aber auch Müllarbeiter sein, scherzt er. 

"Je ärmer die Leute, desto mehr Müll gibt es", beobachtet Herr Antonis. Die Stadtbezirke sind aufgeteilt, heute ist ein Teil des Problembezirks Weingarten dran. Sieben Fahrzeuge holen täglich den Restmüll von Teilen der Stadt ab, zwei die gelben Säcke der Biotonnen. Zusätzlich gibt es noch ein Fahrzeug zur Glasentsorgung und Fahrzeuge für den Sperrmüll.

Im Fahrerraum des Müllwagens mit 320 PS kann im Sommer trotz Klima-Anlage eine mörderische Hitze herrschen. Sechs Spiegel sind rechts vom Wagen angebracht, an der linken Seite sind es zwei. Am Fahrzeugende ist eine Kamera installiert, vieles im Müllbetrieb ist automatisiert. 

"Meine Arbeit sieht leicht aus, doch ist es ein Knochenjob", so Herr Antonis. Beim Rangieren auf engstem Raum gibt es nur einen Zentimeter zwischen den Autos. Sieben bis 12 Kilometer ist die tägliche Fahrtroute im Schritt-Tempo. Trotz der 105 Dezibel der Müllwagen tragen die Müllmänner keinen Ohrenschutz, da sie sich gegenseitig noch verständigen müssen. 90 Tonnen passen in die Mülltrommel, bevor der Wagen zu Deponie fährt. 

Herr Antonis ist gelernter Kaufmann. "Wir haben hier Bäcker, Metzger, Zimmerleute und auch Maurer." Am Anfang rümpfen schon einige die Nase. Vor allem im Sommer entstehen starke Gerüche. Trotzdem habe er es noch nie erlebt, dass einer den Job geschmissen habe. Zwei bis drei Tage dauert die Einarbeitung. Ein hoher körperlicher Verschleiss bleibe im Laufe der Zeit nicht aus. Nur zwei Streiks hat Herr Antonis miterlebt, einen in den neunziger Jahren und einen 2006.

Herr Antonis geht davon aus, dass Müllmänner ein hohes Ansehen bei der Bevölkerung genießen. Vielleicht ist der Job irgendwo zwischen die unantastbare Kaste und einen Traumjob zu positionieren?

Das Müllproblem ist nicht nur auf Freiburg begrenzt. Die jahrelange massive Umweltverschmutzung hat in vielen Erdteilen das empfindliche Gleichgewicht der Natur zerstört. 

Herr Antonis zündet sich eine Zigarette an und sagt: "Unser Job ist ein notwendiges Übel - sonst würde die Stadt untergehen."   #Finanzen